erlesenes

 

 

eine art literarisches tagebuch

(4. okt. 2017)

beitrag vorläufig ruhend gestellt.

 

(21. feber 2017)

endlich den „fänger im roggen“ von j.d.salinger gelesen, lag lange herum, dieser klassiker der jugendkultur aus dem amerika der 1950er jahre. und jetzt ein unerhörtes erlebnis: franzobel, vielen bloß als fußballexperte bekannt, schreibt ein buch, das für mich ab sofort zu den besten gehört: das floß der medusa. ja, das bild von theodore géricault (es hängt im louvre), hab ich ja irgendwie wahrgenommen, die geschichte dazu, dieses grauenhafte schicksal von 150 menschen, die nach dem  auflaufen der fregatte medusa 1816 auf einer sandbank vor der küste afrikas mangels genügender rettungsboote auf einem schnell zusammengezimmerten manövrierunfähigen floß zurückgelassen wurden, war wohl den meisten unbekannt, obwohl es genaue zeugenberichte darüber gab, zu schmachvoll war dieses unglück für den französischen staat, der mit einer kleinen flotte die herrschaft über den senegal antreten wollte. 15 wurden schließlich nach 13 tagen gerettet, davon starben auch noch sechs. was sich auf diesem floß in dieser zeit abgespielt hat, erzählt franzobel ungeschützt und eindringlich, nichts für schwache nerven, obwohl er nie voyeuristisch mit dem elend spekuliert. kannibalismus ist hoch tabuisiert, existiert in schauergeschichten über menschenfresser, kommt am rande vor, etwa als ein flugzeug in den anden um 1970 abstürzte. franzobel gehört mit diesem Roman ab jetzt zu den großen!

(27. jänner 2017)

ich schaffe es einfach nicht, die gelesenen bücher näher zu besprechen, connie palmens buch (du sagst es) über sylvia plath etwa, oder christoph ransmayrs buch „cox oder der lauf der zeit“. ransmayr hat wieder ein fulminates werk verfasst, sprachlich hochgestochen und inhaltlich mit recherchearbeit vollgestopft, vermag er die welt des kaisers von china und seine überlegungen zur zeit so zu verdichten, dass einem der mund offen bleibt. so viel wäre zu sagen, aber, (ironie!), woher die zeit nehmen… dann heuer „augustus“ von john williams und die ganze beschäftigung mit dantes commedia.

(20. dezember 2016)

die zeit verfliegt und schon wären die lesefrüchte eines halben jahres aufzuzählen, wo das meer beginnt von bodo kirchhoff, das zimmer von jonas karlsson, krötenliebe von julya rabinowich, endlich fertig gelesen: grimms wörter von günther grass, wieder gelesen: hilde domin, nur eine rose als stütze, das buch vom süden von andré heller, die stimme über den dächern von verena mermer, der winter tut des fischen gut von anna weidenholzer, doldasso oder das leben des augenblicks von sabine gruber, milchreis von ingrid coss, das leben ist gut von alex capus, kommt ein pferd in die bar von david grossman, judith taschler, bleiben; am rand von hans platzgummer, ende und anfang von edi ferstl, der letzte granatapfel von bachtyar ali, nacht ist der tag von peter stamm, sozusagen paris von navid kermani ein genialer beginn und dann eine mäßig gute weiterführung, eher enttäuschend, suchbild mit katze von peter henisch. aber wo soll ich beginnen und viele der bücher sind schon wieder im lethe versunken, sie wieder hervorzuholen, es ist mir zu mühsam. und es fehlt mir die zeit dazu…

(19. mai 2016)

zwei bücher sind zu besprechen, das erste ist der seitenreiche roman von juli zeh „unterleuten“. schon sehr interessant, diese story aus einem brandenburgischen dorf, der name unterleuten sagt schon viel aus, die berlinerin juli zeh ist tatsächlich auf das land gezogen und so entsteht eine revue mit personen, die es in sich haben. ein windpark soll gebaut werden und dazu braucht es land, da ist eine lpg, früher der familienbesitz der grabowskis, die sich für einen windpark eignen würde, aber es fehlt ein stück land, das eine andere eignerin besitzt und da ist ein spekulant, der von auswärts kommt, um diesen windpark geht es, aber nicht nur, diese menschen haben ihre geschichten und sie sind teuflisch vernetzt, der sozialwissenschaftler ist hieher gesiedelt mit frau und baby und will die kampfläufer, seltene großvögel schützen und da gibt es den alten kron, in inniger feindschaft mit grabowski lebend und dergleichen viele, zwölf hauptpersonen mit all ihren beziehuungen und zum schluss gibt es den toten in wasseraufbereitungsanlage. lang ist es schon, das buch, aber es wird immer spannender, wenn man an einer geschichte interessiert ist, die sich aus der ddr-vergangenheit speist. diese menschen haben schon etwas eigenes und bald wird diese zeit auch vorbei sein, aufgefressen vom globalen wirtschaftskapitalismus, der hier in seinen anfängen so genial geschildert wird.

und nun zum grandiosen werk des amos oz, judas.

oz ist der bedeutendste israelische autor und dieser judas hat es in sich. was man als theologe weiß (oder zu wissen hätte) über den „verräter“, das ist die eine geschichte, die sich durchzieht, denn der junge mann, schmuel asch, schreibt über ihn eine diplomarbeit, hat sie eigentlich schon aufgegeben, trennung von der freundin, das geld von zuhause bleibt aus und er nimmt die stelle eines unterhalters bei einem alten behinderten mann an, dem er zuhörer sein soll und animator sein, wie die schwiegertochter des gerschom wald, atalja, ihm aufträgt. atalja ist die tochter des schealtiel abrabanel und witwe nach dem sohn des gerschom wald. wald und atalja leben in einem düsteren haus und da entwickelt sich im gespräch einerseits die geschichte der staatswerdung israels – der roman spielt um 1960 – schealtiel war ein  – fiktiver – gegner des staatsgründers ben gurion, der diesen staat unbedingt verhindern wollte, weil er all das voraus sah, was heute brutale realität ist. schealtiel wird als „verräter“ aller ämter enthoben und stirbt an gebrochenem herzen, nachdem zuvor sein sohn im gründungskrieg gefallen ist. atalja hat sich ihres schwiegervaters angenommen und lebt ihr kleines leben an der seite des privatgelehrten, der einmal ein lehrer war. und es entwickelt sich eine prekäre liebesgeschichte zwischen schmuel und der 20 jahre älteren attraktiven atalja. sie endet mit liebesverrat. wobei wir wieder bei judas wären, der jesus wie kein anderer liebt und die erlösungsgeschichte vorantreibt, weil er jesus unbedingt in jerusalem haben will, er ist überzeugt, dass er vom kreuz herabsteigen wird und so israel von den römern befreien wird. er scheitert, der rest ist die geschichte des antisemitismus durch zwei jahrtausende. ein meisterwerk!

(18. märz 2016)

Was habe ich geächzt beim Lesen des Romans „Blutbuchenfest“ von Martin Mosebach, nicht und nicht ist er zum lange angekündigten Fest gekommen im Garten des Bankiers Dr. Glück. Aber im Laufe der Zeit geriet diese Geschichte aus der Frankfurter Society und dem Ausbruch des Balkankrieges, die sich in den 90erjahren verzahnt, zu einem Finale furioso, in der Mitte die bosnische Putzfrau Invanca, die, auf beiden Schauplätzen eine starke Frau, die Fäden in der Hand hat, oder ein ahistorisches Handy, denn das gab es damals noch nicht… Mitten drin der Icherzähler, der über einen bosnischen Künstler, vielleicht einem fernen Verwandten der Ivanca, eine Ausstellung planen soll. 448 Seiten können sehr lang sein, waren es in diesem Fall, im Nachhinein aber war es ein Vergnügen, diese messerscharf geschliffenen Bosheiten zu lesen.

„Ungläubiges Staunen“ von Navid Kermani gehört zu jenen Büchern, die man in ein besonderes Regal stellt, weil man es immer wieder zur Hand nehmen will. Kermani, persischer Abstammung, Muslim und Christ?, interpretiert Gemälde aus der christlichen Tradition aus seinem Blickwinkel heraus und eröffnet neue Zugänge zur christlichen Ikonographie, wunderbar! Dass der aktuelle politische Background nicht fehlt, hat er auch bei der Rede zum deutschen Buchpreis bewiesen, als die Besucher geschockt darüber waren, dass er zu einem Gebet für einen Verfolgten aufrief.

Einen weiteren Band der „Biographie“ von Joachim Meyerhoff „Wann wird es so, wie es nie war“ kann als tränenlösendes Buch nur empfohlen werden.

Das letzte Buch von Günther Grass „Vonne Endlichkeit“ möchte ich all jenen empfehlen, die sich fragen, wie angesichts des nahenden Todes poetisch mit dem Rest der Zeit umgegangen werden kann. Berührend!

(1.feber 2016)

dieses buch hat mich erschüttert: daša drndić sonnenschein, aus dem kroatischen von brigitte döberl und blanka stpetić, hoffmann und campe 2015.

es schleicht sich langsam und ganz harmlos ein, das grauen. vorerst wird das schicksal goricias (görz) episch ausgebreitet und die stammbäume der haya tedeschi ausgebreitet. die schicksale einzelner mitglieder werden verfolgt, es liest sich weitgehend wie ein bericht einer familienforscherin – dabei ist die ganze geschichte fiktiv. was auch nicht ganz stimmt, denn spätestens mit der alphabetischen auflistung der 9000 jüdinnen und juden, die auf 70 seiten aus italien oder von ihm besetzten ländern in die vernichtungslager der nazis deportiert wurden hält die brutale realität einzug. der durchgehende faden, der aber oft aus den augen verschwindet, ist die suche der haya tedeschi nach ihrem sohn, der ihr als säugling aus den armen gerissen wird und den sie nach 62 jahren wiederfindet. dazwischen werden die untaten der großen verbrecher in den kzs und der kleinen verbrecher, die meist ungeschoren davonkommen aufgelistet. und einer dieser verbrecher wird der vater des kleinen paolo, der am schluss nach goricia fährt und seine mutter besucht. fiktion, ganz nah an der wirklichkeit, so könnte es gewesen sein und poetische annäherungen in grausam-faszinierender dichte!

8. jänner 2016

nachzutragen sind einige bücher seit november, die mir besonders gefallen haben.unser literaturkreis hat eine besondere verbindung zu jenny erpenbeck, deshalb steht auch ihr neues buch „gehen, ging, gegangen“ auf unserer besprechungsliste. ein buch über flüchtlinge in berlin, noch vor der großen welle geschrieben, aber im kern enthält es die wunden punkte, die inzwischen noch schmerzhafter an die oberfläche kommen. natürlich war die „nullnummer“ von umberto eco auf der leseliste, wieder köstlich verschmitzt, einige verschwörungstheorien werden auf die schaufel genommen. ein besonderes erlebnis war joachim meyerhoffs buch „ach, diese lücke, diese entsetzliche lücke“.ich mache es mir leicht und füge eine rezensionsnotiz aus der frankfurter rundschau vom 11.12.2015 ein: …erzählt auch mit großer Empathie und Beobachtungsvermögen von seinen in Ritualen erstarrten großbürgerlichen Großeltern und seiner eigenen, mitunter sehr komisch gefassten Künstlerwerdung zwischen 1989 und 2004. Die Mischung aus Anrührung und brüllendem Witz scheint dem Rezensenten bemerkenswert und macht den Autor für ihn zu einem Phänomen unter den autobiografischen Erzählern. dieses unaufgeregte erzählen ist ein labsal! „wald“ von doris knecht ist lesenswert, die zum aussteigen gezwungene  modedesignerin und unternehmerin marian stürzt mit der finanzkrise ins nichts und zieht sich aufs land zurück, wo sie nur knapp überlebt und langsam fuß fasst, in franz findet sie einen liebhaber, der ihr aus dem gröbsten hilft. eindrückliche schilderungen über ein leben am untersten ende in beachtlich gelungenem sprachduktus!

2. Nov. 2015

Seit dem letzten Bericht sind auch schon wieder der wunderbare Sommer und ein gutes Stück Herbst vergangen, Strichcode von Kristina Tóth, ein älteres Buch von Peter Henisch,  Der Wunsch, ein Indianer zu werden, Wolfswechsel von David Gray, Im Frühling sterben von Ralph Rothmann (obwohl ich Rothmann sehr schätze. Dieses Buch ist weniger gelungen), Fliehkräfte von Stephan Thome und wieder einmal ein Buch von Bodo Kirchhoff gelesen: Verlangen und Melancholie. Es gehört zu jenem Büchern, die sich in einem einnisten, ein pensionierter Kulturredakteur versucht zu ergründen, wieso sich seine Frau neun Jahre zuvor vom Goetheturm bei Frankfurt in den Tod gestürzt hat, er fügt Mosaiksteine der Erinnerung zusammen, Motive für den Suicid, Marianne, mit der er ein Verhältnis hat, der jüdisch-polnische Publizist Tannenbaum, die Ausstellung erotischer Kunst aus Pompej, die seine Tochter kuratiert. Die Fäden der Erzählung verknüpfen sich und überlassen es dem Leser, der Leserin, daraus die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. „Verlangen“ wird zu einem Leitmotiv und macht den melancholischen Grundton verständlich. Ja, der wilde Bodo ist auch älter geworden. Ein sehr lesenswertes Buch!

20. august 2015

monique schwitters roman „eins im anderen“ ist ein erstaunlich gelungenes stück liebesliteratur, eine großartige komposition in 12 bildern, die begegnung mit 12 männern, die apostel, das abendmahl stehen im hintergrund als zeichengeber, verrat, tod und auferstehung, das ganze inventar, das es zum abwägen braucht, um liebe in den vielfältigen vorkommnissen zu schildern. ich bin hingerissen! näheres bitte selbst lesen…

und soeben habe ich martin amanshausers roman „der fisch in der streichholzschachtel“ beendet, das ist ein vergnüglicher sommerroman von, zugegeben, einiger länge, aber die konstruktion hat was. da gerät der luxusliner „atlantis“ in einen seesturm und findet sich neben einem piratenschooner „fin del mundo“ von 1730 auf hoher see wieder, dessen sturmerlebnis in einer grandiosen weise geschildert wird, da steckt viel nautische kenntnis dahinter. aber darum geht es ja gar nicht, das leben auf einer kreuzfahrt mit typischen menschen, die so ihre probleme haben, der mann (einer der erzähler) der deutschen familie trifft eine verflossene, die kinder sind so wie kinder heute sind, nicht viel anders eine holländische familie… dann erhebt ein geologe und ehem. pirat (der andere erzähler) seine stimme und erzählt vom leben auf dem piratenschiff. als einige vpm piratenschiff auf das kreuzfahrtschiff kommen – der seesturm hat wohl diese zeitverschmelzung ermöglicht – grätschen zwei völlig verschiedenen kulturen und zeiten ineinander und es gibt höchst vergnügliche, allerdings auch sich ziehende schilderungen dieser zusammenkunft, die einen halten die piraten als rollenspieler, der geologe meint, auf leibnizens „beste aller möglichen welten“ gestoßen zu sein, hier kann amanshauser eine fulminante kulturkritik los werden…

am ende sind 6 wochen vergangen und das leben kann weitergehen, die bruchlinien zwischen den welten konnte amanshauser nicht ganz glätten, da bleiben fragen offen, aber wie soll er auch, in ein fiktives geschehen muss man irgendwie hineinflutschen…

spannend und lesenswert!

 

(10. aug. 2015)

die sommerhitze lässt mich schlaff in den seilen hängen, ein wenig lesen schon, aber reflektierend darauf eingehen… ein anderes kapitel.

der trafikant von robert seethaler, diese dinge geschehen nicht einfach so von taye selasi, die kaum bekannten erzählungen die ernte der amerikanerin anny hempel, der spaltkopf von julya rabinowich und dreck von dietwin koschak waren die letzten erwähnenswerten bücher in diesem sommer ( die weniger beachtenswerten?, mantel des schweigens darüber…)

(28. mai 2015)

einige schöne, interessante bücher habe ich wieder gelesen, da ist einmal „aberland“ der österreichischen bachmannpreisträgerin (publikumspreis 2014) gertraud klemm, ein mit einer überaus gekonnten bilderwelt ausgestatteter roman aus der sicht zweier frauengenerationen, die nicht das erreichen, was sie wollen und erträumen, erhoffen, ungemein genau beobachtet und geschildert. dann ein älteres buch der julya rabinowich „herznovelle“: nach den todesängsten vor einer herzoperation gerät das „neue“ leben der erzählerin in eigenartige turbulenzen, sie verliebt sich in den operateur, stalkt ihn gewissermaßen und versucht, aus ihrem bisherigen leben auszubrechen.

Er nimmt das Herz aus meiner Brust
und zeigt es mir und sagt:
Das gehört ihnen.
Und ich sage:
Das Mängelexemplar können Sie gratis zur Ansicht behalten.

und natürlich war ich ganz gespannt auf das neue buch der vea kaiser „makarionissi oder die insel der seligen“. wieder ein lesevergnügen, insgesamt ernster, obwohl es unglaublich zarte satirische elemente und kuriose vorkommnisse gibt in dieser großfamilie in einem griechischen dorf an der albanischen grenze, in der die aufmüpfige und in der militärdiktatur inhaftierte und gemarterte eleni und lefti, geschwisterkinder, von der kupplerischen großmutter füreinander bestimmt werden, wegen einer ausreise aus griechenland in deutschland eine zeitlang leben, eleni mit dem schlagersänger otto ein kind hat und mit diesem nach langen irrwegen makarionissi zieht. lefti landet in st. pölten (köstlich, diese episoden!) und findet zum schluss doch die verloren geglaubte eleni. in neun gesängen, nach den musen, gebaut, hat dieser roman zwar nicht die blasmusikpoppig daherkommende leichtigkeit des ersten romans, ist dafür aber eine liebeserklärung an das mythische und das finanziell geplagte griechenland von heute, man versteht viel mehr nach dem lesen dieses wunderbaren buches. unbedingt lesen!

ja, „montechristo“ von martin suter und „der eisengel“ von szilard rubin, beide wären es auch wert, besprochen zu werden, aber jetzt ruft mich robert seethalers „ein ganzes leben“ und den „der hase mit den bernsteinaugen“ von edmund de waal habe ich auch angefangen…

(4. april 2015)

begeisterungsstürme! ein sprachlich so wunderbares buch wie den roman der grazerin valerie fritsch „winters garten“ habe ich schon lange nicht gelesen. das leben mit der großmutter in ihrem garten bildet den ausgangspunkt und nach einer langen phase als vogelzüchter findet anton in der geburtshelferin franziska eine partnerin, mit der er die zeit vor dem erahnten und dann wirklich eintretenden weltuntergang erlebt. das ist aber beileibe kein science fiction roman! es ist die langsam zerbröckelnde welt, alles löst sich auf, es wird still und in der ferne brennt eine stadt. dieses lebensgefühl drückt fritsch in kunstvollen bildern und metaphern aus, wäre der inhalt nicht so ernst und bedrückend, müsste man entzückt jubeln. sibylle fritsch ist ein aufgehender stern, ich wünsche mir viele ebenso meisterhafte werke von ihr.

In meinem maturajahr 1965 erschien der roman von john williams „stoner“. beinahe vergessen, rückte er erst mit seiner wiederveröffentlichung 2006 wieder ins bewusstsein. ein amerikanischer literaturdozent, aus bäuerlichen verhältnissen stammend, geht als dumber tor durchs leben, verheiratet mit einer frau, die sich für ihn als falsche wahl herausstellt, die tochter, mit der er eine innige beziehung lebt, wird ihm von der frau entfremdet, auf der universität in einem mobbingfall verwickelt, auf eine liebesbeziehung, die ihm neue perspektiven eröffnen würde, verzichtet er wegen seines berufes, mit 65 erkrankt er an krebs und stirbt. was an dürren fakten hier aufgezählt wird, liest man auch ebenso unaufgeregt in diesem vorzüglichen buch, das ich uneingeschränkt empfehlen möchte, führt es doch in eine amerikanische lebenswelt ein, die typischer nicht sein könnte.

 

(24. märz 2015)

lutz seilers „kruso“ gehörte zu den aufregenden neuerscheinungen des jahres 2014, der deutsche buchpreis war ein signal der aufmerksamkeit. ed, ein studienanbbrecher  fährt nach hiddensee, einer insel in der ostsee und noch teil der DDR. hier sammeln sich utopisten, künstler und andere aussteiger, die auf hiddensee ein geduldetes, aber überwachtes leben führen dürfen. ed und kruso (eine robinsonade) befreunden sich und leben als abwäscher im hotel klausner (das gibt es wirklich..).die details zu schildern, die diese arbeit beinhaltet, verbietet sich, da hebt es einem den magen, aber erzählt wird das grandios. auch die anderen, kommunemäßig aufgezogenen rituale sind gewöhnungsbedürftig. in den monaten des zusammenbruchs der DDR wird das ganze längst morsche system mit allen seinen sonderlichkeiten eindringlich dargestellt, der zerbröckeln der DDR bedingt auch die auflösung dieses „schiffes“ auf der klippe, zum schluss bleiben ed und kruso, der rest wird rückblickend erzählt. unglaublich dicht und aufregend!

„graz im dunkeln“ von robert preis, dem redakteur der kleinen zeitung in graz, habe ich auch gelesen, ein regiokrimi um das rätselhafte höhlensystem in der vorauer gegend, aufbauend auf dem glauben, dass diese kilometerlangen gänge nur außerirdische vor tausenden von jahren geschaffen haben können und in verbindung gebracht werden mit dem angeblichen auftauchen von „fliegenden untertassen“ und aliens, die gesichtet wurden, so die aufzeichnungen aus den letzten jahrzehnten irgendeinen sinn ergeben. ganz im zeichen der erwartung dieser außerirdischen mordet da ein ehepaar am pöllauberg durch die gegend und armin trost als kommissar gerät in die bredouille, spannend und mit augenzwinkern geschrieben … besonders für alle, die ein wenig entrisch veranlagt sind, ein vergnügen

(5. märz 2015)

allen unkenrufen zum trotz finde ich  michel houellebecqs unterwerfung überaus lesenswert. francois, ein literatrurwissenschaftler, der über den französischen dichter joris-karl huysmans eine fulminante dissertation geschrieben hat, fristet sein leben isoliert und desillusioniert als universitätslehrer, frauen kommen ihm abhanden und sind ihm müder zeitvertreib, eigentlich könnte er sich auch das leben nehmen, es bietet ihm nichts aufregendes. dieser francois beobachtet die vorgänge in frankreich, 2017 gelingt es dem muslim ben abbes an die macht zu kommen, eindrücklich schildert houellebecq den langsamen, aber unaufhaltsamen aufstieg, während alle auf marine le pen starren, mit weitgehenden zugeständnissen an die kirche und mit viel geld aus den arabischen erdölländern kann er frankreich einlullen, es passiert nichts revolutionäres, aber die miniröcke verschwinden und die frauen tragen zunehmend schleier, die sorbonne als wichtigste universität wird von einem muslimischen rektor geleitet und francois wird mit einer satten pension abgefertigt … bis er eines tages, müde geworden, sich zum islam bekennt und seine stelle als universitätsprofessor wieder bekommt, mit schöner wohnung und der möglichkeit, drei junge frauen (mädchen) zu heiraten … es geht so beklemmend undramatisch zu, houellebecq bietet eine unglaubliche farce – aber so könnte es kommen. sollte man schon lesen, die houellebecqschen „stellen“ sind ohnehin nur marginal vorhanden…

(23. feber 2015)

das neue jahr ist nicht mehr ganz neu, es ist zeit für eine erste rechenschaft:  mein vaterland war ein apfelkern von herta müller war ein besonders berührendes und erschütterndes ereignis. nicht irgendwann, in der zeitgenossenschaft wird so gelebt, unter der ceaucesku-diktatur. behutsam, aber mit großem wissen befragte da die lektorin angelika klammer die autorin und es wurde ein wunderbares buch. und dazu habe ich mir auch gleich das buch vater telefoniert mit den fliegen gekauft, ihre collagen sind wunderbar anzuschauen. pferde stehlen von per petterson war ein eine skandinavische geschichte im zeitraum des 2. weltkrieges.  das selbstporträt mit flusspferd von arno geiger müsste näher besprochen werden, ebenso die mittellosen von szilard borbely. wolkenbruchs wunderliche reise in die arme einer schickse von thomas meyer war ein lesevergnügen. f von daniel kehlmann habe ich auch endlich gelesen, ein wichtiges buch. zeitmangel (auch hervorgerufen durch einen hackerangriff auf meine website, die ich unter großem zeitaufwand gerade wiederherstelle…)

(31. dezember 2014)

meine rückschau in diesem jahr fällt, von der menge des gelesenen aus gesehen, positiv aus, mehr als ein buch pro woche. von der qualität her gemischt, dass patrick mondiano den nobelpreis bekommen hat, wundert mich, im café der verlorenen jugend und gräser der nacht habe ich gelesen, beide haben mich nicht zum jubeln gebracht, allein, wenn ich an elfriede jelinek oder herta müller denke, kein vergleich…glücklich die glücklichen von jasmina reza könnte man schon näher besprechen, mag ich aber nicht, andrea wolfmayrs jane und ich habe ich auch gelesen. dann aber kam orfeo von richard powers dran und das war ein echter lesegenuss! die geschichte des experimentellen komponisten peter els, der als endpunkt seines kompositorischen schaffens versucht, die DNS von bakterien als musikspeicher zu benutzen, wobei er in die fänge des FBI gerät, die in ihm einen höchst gefährlichen terroristen vermuten und die verschwörungstheorien feiern in der hysterischen medialen öffentlichkeit ihre urständ. daneben wird auf überaus interssante weise ein zugang zu experimenteller musik geschaffen, werden olivier messiaens quatuor pour la fin du temps, schostakowitschs fünfte, mahlers kindertotenlieder interpretiert (ich habe mir dabei auf youtube diese stücke angehört..) und auch seine partnerbeziehungen und – unglaublich berührend – das aufwachsen seiner tochter werden mit hinein verflochten. nicht immer ganz leicht zu lesen aber ein buch besonderer güte!

ja, und mitten im lesen des buches von cecilia ekbäck schwarzer winter wird mich das neue jahr überraschen, es liest sich erfreulich gut …

(17. nov. 2014)

wie die zeit vergeht…

aus dem gelesenen möchte ich julya rabinowichs die erdfresserin herausgreifen, ein schwieriges buch, eine junge russin verschlägt es nach wien als prostituierte, weil sie für ihren kranken sohn geld beschaffen muss, gerät an einen kranken polizisten, dem sie dient bis er stirbt, an seinem grab spürt sie die regung, erde zu essen, aus der geschlossenen anstalt flieht sie und treibt sich in europa herum und gerät immer stärker in ihre psychose hinein, sie gebiert einen golem. die geschichte verliert sich im ungenauen und diffusen. ein frauenschicksal, das aus versatzstücken therapeutischer sitzungen zusammengefügt ist, vaterlos und ohne partner scheitert diese diana, die in der römischen mythologie als mutter der berge eine fruchtbarkeitsgöttin war. kein lesegenuss aber das werk einer autorin, die es in sich hat.

(11. Sept 2014)

Wie man sich täuschen kann… Wie gut, dass ich weiter gelesen habe. Nach wie vor , meine ich, Tartt schreibt aus der Sicht einer erwachsenen Frau und legt dem Buben Worte in den Mund, die ein Bub nie so sagen würde oder der so denken würde. Aber, wie es bei einem Entwicklungsroman so ist, im späteren Alter verwischt sich das und es entsteht ein faszinierendes Geflecht von Handlungen und die Auflösung am Schluss, wie der Distelfink zur Metapher des künstlerischen Schaffens wird, selten so Gescheites darüber gelesen…

(25. August 2014)

Ich lese gerade den „Distelfink“ von Donna Tartt und kann den Hype um dieses Buch nicht verstehen. Ich kann mich nicht genug wundern, dass ein Buch, in dem ein 13/14 jähriger Bub als Erzähler und Hauptperson fungiert, mit den Augen und dem Bewusstsein einer erwachsenen Frau beobachtet und erlebt. Zum Inhalt will ich noch nicht viel sagen, es gibt da schon einige fesselnde Erzählstränge, aber z.B. die seitenlangen Alkoholexzesse des Buben langweilen mit der Zeit. Ich werde, die Zähne zusammenbeißend, das Buch weiterlesen, weil ich kaum Bücher halbgelesen weglege …

(26. juni 2014)

ich merke, ich lese momentan bücher, die schon einige jahre alt sind, aber umso schöner ist es, wenn man merkt, dass sie auch ohne rezensionentrara gültig sind. so habe ich endlich haruki murakamis „kafka am strand“ gelesen und auch „spieltrieb“von juli zeh. handelt das eine von einem 15jährigen burschen, der die schule sein lässt und sich auf eine abenteuerliche wanderschaft begibt, so das letztere von einer am anfang 14jährigen und einigen mitschülern. beiden ist gemein, dass ihre entwicklung zum erwachsenwerden von sexuellen begegnungen mit erwachsenen geprägt ist, die in unserer rechtsauffassung mit missbrauch bezeichnet werden, obwohl es in beiden fällen die jugendlichen nicht so verstehen, geht es bei murakami um das ödipusthema des vatermordes und dem beischlaf mit der mutter, so bei zeh um den bewussten einsatz von verführung zum sex mit einem lehrer, um ihn erpressbar zu machen. aber so einfach sind die dinge nicht…da mir momentan die zeit für eine tiefere hinführung zu beiden werken fehlt, nur so viel, beide sind sehr lesenswert (murakami wird wohl in den nächsten jahren den nobelpreis bekommen), juli zehs spieltrieb ist ein unglaubliches sittenbild einer generation, die jenseits aller moralvorstellungen, nach dem motto „anything goes“ jenseits aller hemmungen bedenkenlos „spielt“. und so eine metaphern- und bilderreiche sprache, beinahe schon überbordend, findet man auch selten!!!

(26. April 2014)

Schon wieder ein Monat vergangen… kurzes Resumé:
Sibylle Lewitscharoff hat sich in ihrem Roman „Blumenberg“mit einem Großen der Philosophie, Hans Blumenberg, näher beschäftigt, nicht, dass sie seine Philosophie erklärt hätte, nein, sie nimmt ihn beim Wort: ihm erscheint in seiner Studierstube ein Löwe, durch sein Dasein wird Blumenberg auf die Probe gestellt, wie real ist das Tier, das ihn auch in die Vorlesung begleitet, nur von einer Nonne einmal auch gesehen wird. Wieso gerade eine Nonne? Diese Erscheinung des Löwen bildet gleichsam eine Rahmenhandlung für die Geschichten mit drei seiner Studenten, Gerhard, Richard, Hansi und der Studentin Isa, die alle früh sterben, Isa bringt sich um, weil Blumenberg sie nicht beachtet?, Richard wird heimtückisch auf einer Amazonasreise ermordet. Der Zusammenhang mit Blumenberg ist nicht leicht herzustellen, dürfte aber in der Abgehobenheit des sich zum Gelehrten in seinem Gehäuse (Hieronymus und der Löwe?) stilisierten Philosophen liegen, der sich der „Handprobe“ beim Löwen enthält… Ein subtiler Roman für alle, die sich an Blumenbergs Philosophie die Zähne ausbeißen wollen…Das erst jetzt in Deutsch  erschienene Buch von Gaito Gasdanov „Das Phantom des Alexander Wolf“ (1947 russ.) führt zurück in die Wirren der russischen Revolution, ein junger Bursche erschießt in Notwehr einen Milizionär, Jahre später liest er absolut authentisch diese Geschichte und begibt sich auf Spurensuche, trifft nach langen Irrwegen auf sein damaliges Gegenüber… Zusammenfassend: ein wunderbares Buch, ich wäre ihm eine ausführliche Würdigung schuldig.
Kriminalromane sind im Allgemeinen nicht meine Sache, Martin Suters „Die dunkle Seite des Mondes“ (2009) hat mich aber in den Bann geschlagen, dieser Roman gilt als besonders geglückt und ich schließe mich dem Urteil an. „Teufelsengel“ von der ursprünglich als Jugendautorin bekannten Monika Feth (auch aus 2009, wenn ich mich recht erinnere) ist auch nicht zu verachten, wenn man das absurde Gehabe eines fundamentalistischen Abtes, der sich vom Teufel verfolgt wird und seine Exorzismen mit finalem Ende goutiert, soll aber immer noch vorkommen und zeigt die Schattenseiten eines pervertierten Katholizismus auf…
Schließlich habe ich eben ein überaus beglückendes Buch gelesen, auch wieder aus dem Jahr 2009 (man muss ja nicht immer nur die gerade aktuellen Bestseller hernehmen, wenn Bücher gut sind, sind sie auch Jahre später noch), „Herr Mozart wacht auf“, der Erstling der jungen Eva Boronsky. Der eben verstorbene Wolfgang Amadé (darauf wird Wert gelegt) Mozart wacht 2006 in Wien auf und hat als quasi postmortalen Auftrag die Aufgabe, sein unvollendetes Requiem fertig zu schreiben. Was dem gleichsam mittels einer Zeitmaschine ins dritte Jahrtausend Versetzten durch diesen Kultur- und Zivilisationsschock passiert, ist überaus vergnüglich zu lesen und was die Autorin über Mozarts Musik und über Musik überhaupt alles weiß, ist grandios (und erinnert mich ein wenig an den Blasmusikpop der Vea Kaiser, beide dürften unbeeinflusst voneinander geschrieben haben) und ist als Ganzes wirklich intensiv zu empfehlen!

(25. März 2014)

Inzwischen habe ich die „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“von Haruko Murakami gelesen, im Stile wieder ein echter Murakami, wieder handelt das Buch von jungen Leuten, diesmal von einer Clique von zwei Mädchen und drei Burschen. Einer von ihnen, Tsukuru, wird von der Gruppe ausgestoßen, erst spät im Buch wird dieser Ausschluss aufgeklärt werden, Tsukuru ist einem Suicid nahe, im Laufe des weiteren Lebens versucht er der Ursache auf den Grund zu kommen und dabei erfährt man auch die Schicksale der anderen. Dem Buch eignet eine melancholische Grundstimmung, die mit den „Pilgerjahren“, einem Klavierzyklus von Franz Liszt gut eingefangen ist. (Die entsprechende CD wurde von den Lesenden offensichtlich auch sofort gekauft, wie aus dem Internet erfahrbar, ich gehörte auch zu ihnen und habe damit ein wunderbares Werk  kennen gelernt…). Irgendwann wird Murakami den Nobelpreis wohl bekommen…

Angeregt durch eine Ö1 Sendung über Liebe und Sex im Alter habe ich den Bestseller der Wienerin Elfriede Vavrik „Nacktbadestrand“ gelesen. Na ja. Dem Anliegen, alten und sehr alten Menschen Sexualität in allen möglichen Formen zuzugestehen, ist sehr zu unterstützen, dazu hat dieses Buch sicher einen Anteil. Die Autorin schildert unverblümt ihr Bemühen, als 79jährige zu lang vermisster Erfüllung mittels Kontraktanzeigen zu kommen. Männer unter 50 sind ihre Partner und es funktioniert, denn Frau Vavrik weiß, dass es zehn Prozent Männer gibt, die auf ältere Frauen stehen und genau diese filtert sie sich heraus. Alles in Ordnung, schielte die Schilderung der Erlebnisse nicht auf voyeuristische Bedürfnisse, auch die kleinen Geschichten, die Frau Vavrik einfügt, stammen aus dem Softpornomilieu. So wird aus dem berechtigten Hinweis auf ein verdrängtes Thema doch kein empfehlenswertes Buch.

Meine Begeisterung für das neue Buch von Alex Capus „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ ist größer als jene der Großkritiker in FAZ und ZEIT: bemängeln jene die fehlenden Zusammenhänge zwischen den drei Handlungssträngen, die drei Personen hätten sich 1924 am Bahnhof Zürich treffen können (ist wirklich dünn…), so gefallen mir die drei Geschichten so ausnahmslos gut, dass ich gerne diesen Mangel vernachlässige. Da ist Laura d’Oriano, Barsängerin und Hutverkäuferin, die als einzige Frau im Italien des Benito Mussolini als Spionin hingerichtet wird mit ihrem Bestreben, ein autonomes Leben führen zu können und da ist dann die von Vater und Sohn Emile Gilléron, die als Kunstfälscher sowohl bei den Ausgrabungen von Schliemann in Troia (der Vater) und vor allem von Arthur Evans in Knossos (Vater und Sohn) unser Bild der minoischen Kultur erfunden und durch ihre kühnen Rekonstruktionen sich in die Bildwelt aller Kunstbeflissenen eingeprägt haben. Und schließlich Felix Bloch, der gemeinsam mit J. Robert Oppenheimer und anderen die Atombombe für die Amerikaner konstruiert und baut. Bloch wird 1952 den Nobelpreis bekommen für die Entwicklung der Kernspintomographie (gleichsam als Wiedergutmachung für das mörderische Bombenprojekt?). Drei historisch fassbare Persönlichkeiten in fiktiven Biographien – aber nahe der Realität und besonders bei Bloch mit jenen Überlegungen, die seit Hiroshima nicht verstummen, ob der Bau der Bombe moralisch gerechtfertigt war, denn dass sie abgeworfen werden würde, war den Physikern wohl bewusst. Alle drei Lebensläufe haben mich fasziniert und ich empfehle dieses Buch!

(10. Feber 2014)

Vor ziemlich genau vier Jahren, am Beginn meiner Rezensionen auf meiner Homepage, habe ich den umstrittenen Roman „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann gelesen und mir vorgenommen, den Werdegang dieser jungen Berlinerin zu verfolgen. Eben jetzt habe ich ihren neuen Roman „Jage zwei Tiger“gelesen. Zwiespältiges Gefühl. Im Milieu der reichen jugendlichen „Wohlstandsverwahrlosten“ (nicht meine Wortwahl, habe ich übernommen) spielend, werden ein Junge und eine etwas ältere junge Frau ein Stück weit begleitet. Ohne auf den Inhalt eingehen zu wollen (die Mühe mache ich mir nicht gerne, Inhalte werden in anderen Rezensionen ohnehin wiedergegeben, wie schon einigemal erwähnt), habe ich zwar immer wieder die Begabung der Hegemann durchblitzen gesehen, einen guten Roman zu bauen, teilweise war er auch spannend, gewöhnungsbedürftig ist aber dies schnoddrige Sprache, aus zwei Gründen, einmal ist es mein Bedürfnis, in „schöner“ Sprache unterhalten zu werden, andererseits gestehe ich durchaus zu, dass es eine Altersfrage ist, ich lebe in einer anderen Sprachwelt. Nun wäre es leicht, diese junge Sprache angewidert zu verteufeln und mit ihr das ganze Lebensgefühl dieser Generation, tu ich aber nicht. Ich frage mich zwar, wie man in so einer Welt glücklich werden kann. Aber in welcher Welt sind Menschen glücklich? Ich akzeptiere, dass ein guter Roman auch so geschrieben werden darf. Und der Inhalt hat etwas!

(20. jänner 2014)

Weil Haruki Murakami in einer der letzten Ausgaben der ZEIT als möglicher Nobelpreisträger geführt wird, habe ich mir Naokos Lächeln (dt. 2001) auf den Kindle geladen und die über 700 Seiten ziemlich rasch gelesen. Angeblich 14 Millionen Auflage, geschmäht als „Pralinen-Sex“ und hochgelobt und ob seiner direkten sexuellen Sprache in die Halbwelt der Pornos gedrängt, die „Stellen“ bemühte seinerzeit das Literarische Quartett und war sich ob der literarischen Qualität nicht einig. Alles davon ist irgendwie richtig, ich habe mich in die Mentalität dieses sehr japanischen Kultbuches einlesen können, wenn auch die großen europäischen und amerikanischen Autoren im Namedropping daherkommen, die Beziehungen zischen dem jungen Mann und den drei Frauen (in der Hauptsache) sind sehr intensiv und einfühlsam beschrieben, man kann aus diesen verkorksten erotischen Beziehungen, verquickt mit Todessehnsucht und den Selbstmorden auf diesem Tablet von Emotionen die Elemente eines klassischen Entwicklungsromans durchaus erkennen. Ich habe mir jetzt auch „Kafka am Strand“ herunter geladen und werde diesen Autor wohl weiterhin verfolgen, seinen neuesten Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ gibt es noch nicht auf Kindle…

(15. Jänner 2014)

Jonas Jonasson „Die Analphabetin, die rechnen konnte“. Ich finde das 2. Buch dieses skurrilen Autors noch besser als „Den Hundertjährigen…“ Natürlich hat man sich nach diesem gigantischen Erfolg (2 Millionen verkaufte Hundertjährige) etwas noch viel Irrwitzigeres erwartet, aber ich will dagegen einwenden, diese Geschichte von einer südafrikanischen Latrinenausträgerin, die ob ihres Rechentalentes – sprich ihrer stupenden Intelligenz – wiederum in die große Politik gerät. Es gilt, eine offiziell nicht vorhandene Atombombe irgendwie zu entsorgen. Dabei findet sie einen kongenialen Partner , der wiederum offiziell nicht existiert. Auf einer Kartoffelfarm in Schweden kommt es dann zum großen Showdown, in dem der schwedische König und sein Ministerpräsident sowie ein Mossadagent die Hauptrollen spielen. Irrwitzig, grenzgenial. Unbedingt lesen!

(6. jänner 2014)

Am Jahresbeginn ist allemal reizvoll, auf das Lesejahr 2013 zurück zu blicken.

Zu den hier besprochenen Büchern kommen viele, die zu kommentieren ich nicht schaffe, manche auch will ich nicht besprechen, sie waren halt so. Im Rückblick fällt mir auf, dass ich inzwischen ein richtiger Doppelagent geworden bin, ich lese gedruckte Bücher und fast ebenso viele digitale. Die Glaubensfrage, was ein richtiges Buch ist überlasse ich den Fundis. Zugegeben, haptisch hat das Buch schon etwas, aber der Vorteil, mit nur einem gerät überall genug Lesestoff zu haben, den Berg der einmal gelesenen und dann in der Bibliothek abgestellten Schmöker spare ich mir, bei mir ist jedes neue Buch zu einem Deponierproblem geworden, Bücher auszumisten ist mir ein bisher verdrängtes Gräuel. Ein Nachteil beim elektronischen Bücherkauf ist freilich auch ein Vorteil: in der Buchhandlung werden einem die Bücher schmackhaft serviert und vor die Augen gelegt, im digitalen Katalog ist es viel schwerer, einem Buch den Zuschlag zu geben, die Rezensionen dazu sind zumeist sehr subjektiv von LaInnen geschrieben, man kennt sie Beurteilenden nicht. Man muss es einfach wagen, unbekannten AutorInnen auszuwählen, denn die großen Neuerscheinungen der berühmten SchreiberInnen gibt es nicht immer sofort digital. Als ich das Buch „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ von Rachel Yoyce digital kaufte, kannte ich die Autorin nicht (Kunststück, es war ihr Romanerstling), ging ich das Wagnis ein ebenso wir dem „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg“von Jonas Jonasson. Fazit, ich las eben den nachfolgenden Roman von Rachel Joyce „Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“. Ja, am Anfang hat es sich sehr gezogen und Enttäuschung machte sich breit, aber Durchhalten beim Lesen ist eine meiner wenigen Tugenden und so kam ich zu einem ganz wunderbaren Leseerlebnis. Die parallel verlaufende Geschichte zweier Buben bzw. Männer in einer ganz typisch englischen Kleinstadt (nehme ich an). Zwei elfjährige Buben stolpern über zwei Ersatzsekunden, die in ein 1970erjahr eingebaut werden und als vermeintliche Ursache für eine tragische Veränderung der Lebensläufe den Beteiligten sorgen. Da wird ein kleines Mädchen von der Mutter eines der Buben, Boyron, angefahren, die Frau bemerkt nichts, dem Buben allerdings geht sie Sache nahe, er meint, es sei genau in einer eingeschobenen Sekunde passiert. Die zwei Buben machen einen Plan, um die Mutter auf diesen Unfall hinzuführen, nach einem Monat wird ein Treffen mit der Familie es Mädchens arrangiert, die Eltern des (unverletzten) Mädchens nehmen das zum Anlass, um die Mutter so richtig „auszunehmen“, die Frau des Mädchens erschleicht sich die Freundschaft und das Mädchens wird bis zur Lähmung eines Beines für diese Betrügereien instrumentalisiert mit dem Ergebnis, dass Byrons Mutter zunehmend verfällt und sich das Leben nimmt. Kapitelweise dazwischen geschaltet ist die Geschichte eines Jim, eines etwa 50jährigen Autisten (?), der in einem Café die Tische wischt, wenn er nicht gerade in eine Anstalt eingewiesen ist. Von Seite zu Seite (wie gesagt, etwa nach 80, 100 Seiten) steigern sich die psychologischen Einblicke in die Leben der männlichen Akteuren, die sich schließlich in einem völlig überraschenden Finale treffen. So was von verheimlichtem Plot habe ich selten gelesen! Daher auch kein weiteres Sterbenswörtchen darüber. Insgesamt ein überaus lesenswerter Einblick in englische Familienverhältnisse, in Kinder- und Frauenschicksale, in das Leben eines durch seine Rituale sich übers Wasser haltenden Gescheiterten.

Zu berichten wäre Verwirrendes über das Buch von Mahmud Doulatabadi „Nilufar“, ich bin einfach ganz schwer hineingekommen in das persische Denken des Autors, wiewohl die Hintergrundinformationen über persische Familienverhältnisse schon beeindruckend waren. Sibylle Lewitscharoffs „Blumenberg“ hat mich auf den Philosophen Hans Blumenberg gebracht, dieser war mir nur sehr peripher als Name bekannt. Im Recherchieren bin ich dann auf Blumenbergs nach seinem Tod erst erschienen Buch „Löwen“ gestoßen, das für L. wohl die Anregung für das Buch war. Das ist das Schöne an diesem lesen (als Pensionist): man kann sich von den Wellten der Neugier tragen lassen und ist oft erstaunt, wo man schließlich wieder an Land geht…Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“ habe ich zwischendurch in kleinen Häppchen gelesen, dazu eignet sich das Buch vorzüglich, sind ja die kleinen Episoden eigentlich der Ausweis eines Vielgereisten, ein geographisches „Namedropping“, viele kleine Miniaturen, Fingerübungen, aus aller Welt zusammen getragen. Alois Brandstetters „Kummer ade!“ habe ich natürlich auch gelesen, wiederum ein typischer Brandstetter, ein Lexikon des unnützen Wissens, nicht nur, denn ich habe immer wieder viel Gescheites von Brandstetter erfahren, wenn er seinen Zettelkasten öffnet…

(19. november 2013)

soeben das winterjournal von paul auster gelesen. ein bericht über seinen körper, was ihm zugestoßen ist, unfälle, das mühsame erwachsenwerden, zig umzüge genau beschrieben, nach vielen fehlschlägen die frau. selten wurde so liebevoll über eine liebesbeziehung, nach dreißig jahren ehe, geschrieben. die geschichte mit dem taxi, das amerikanische essen, ein bericht von berührender (schlimmes wort, ich weiß) schlichtheit, umprätentiös bis zum schluss: man muss liebenswert sterben (wenn man kann), ein zitat von joubert 1815. unbedingt lesenswert!

(2. Nov. 2013)
Die Zeit rast, schon ist November, ich schaue auf meine Aufzeichnungen, vieles habe ich gelesen, besonders hervorgehoben seien, auch wenn keine ausführlichere Besprechung folgt, Die Deutschlehrerin von Judith Taschler, da kommt eine junge Autorin aus Oberösterreich auf uns zu, eine Art Krimi und sehr flott; ganz groß: Jennifer DuBois, Das Leben ist groß, ein Erstlings- und schon ein Meisterwerk! Ein neuer Roman „unserer“ Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend. Natürlich der neueste Martin Walser, Die Inszenierung. Auch er muss ohne Empfehlung von mir sein Dasein fristen. Er wird es aushalten. Dann das neue Buch von Peter Henisch: Mortimer und Miss Molly. Ein witziger Einfall und dann zieht es sich ein wenig. Aber immer noch weit über den Durchschnitt hinausragend! Peter Stamm: Nacht ist der Tag. Den Schweizer lese ich einfach gerne. Aber diese ganze eitle Aufzählung dient nur dazu, zum Buch zu kommen, auf das ich wirklich näher eingehen werde. Die Grazer Malerin und Autorin Ingrid Coss verdient es, näher besprochen zu werden, ihr letztes Buch (ja, es gibt schon mehrere!) „Haus ohne Hände“ (SoralPRO Verlag 2013) ist eine, oder auch keine, Sammlung von Kurzgeschichten, von verdichteter Prosa, von Erinnerungsfetzen (sit venia verbo) in einem Stakkato lakonisch kurzer Sätze, im Durchschnitt eine Handvoll Worte pro Satz. Von erregender Dichte mit Bildern, die für ein Lebenswerk genügen würden, sprachmächtig bis zur Anstößigkeit. Die Kurzerzählungen bearbeiten Erinnerungen der 1946 in Graz Geborenen und unter schwierigen Umständen Aufgewachsenen, viel haben sie mit Tod und Grauen zu tun, die Geschichten, die sich Aramabidu und die Kunst Steine zu schlichten, Das kleine Leben, Das Sonntagskind auf der Hühnerleiter, Entsorgte Zeiten oder die Gänsehaut im Waschbecken usw., es sind insgesamt 29. In der titelgebenden Geschichte „Das Haus“, das keine Hände hat, redet das kleine Mädchen (im inneren Monolog): Ich habe keine Schuhe. Habe keine Zöpfe und nur eine geborgte Schultasche. Ich bin mager bis auf die Knochen. Habe einen Amtsvormund. Aber denken kann ich selbst. Ich bin gescheit. Ich weiß mehr, als die Erwachsenen glauben. Sie glauben zu viel, aber wissen nicht Bescheid (21). Ingrid Coss ist gleichzeitig eine hervorragende Malerin und Konzeptkünstlerin mit beeindruckenden Installationen. Ein Kapitel ihres Buches heißt „Die Mitte ist kreisrund“ und darin ist zu lesen: Erst eine Leere schaffen, um von vorne beginnen zu können, sagt sie und unterstreicht diesen Satz mit einer weit ausschweifenden Geste. Ein wesentlicher Gedanke, eine wichtige Erkenntnis. Als ihre Glieder zu sehr schmerzen, steht sie auf. Nimmt eine Schere und schneidet in die Mitte der Leinwand ein großes kreisrundes Loch. Erst jetzt ist sie mit sich zufrieden (189). Das Buch irgendwo aufschlagen und lesen: die Wucht der Sätze ist erdrückend, ich habe eben Seite 136 erwischt: Die Erkenntnis ist die Geburt alter Tatsachen, sagt sie zu ihm (zum Hund, KM). Als ob er das verstehen würde.
Das Haus atmet auf niedriger Ebene. Es kippt aus der Bilderreihe und bleibt ohne Anhaltspunkt.
Irgendwann wird Ingrid Coss zur Kenntnis genommen werden, hoffentlich kann sie daraus Nutzen ziehen, Ruhm nach dem Tod hilft ihr nicht.

(9. Juli 2013)
natürlich habe ich den neuen walser sofort gelesen: Martin Walser, Meßmers Momente. es ist eine sammlung von kurzen gedanken, aphorismen, seelenzuständen, ein schmales büchlein, obwohl es auf hundert seiten aufgeblasen wurde. einige sehr spannende überlegungen und viele spielereien mit worten. ist es ein leiser abschied des großen dichters? im alter soll ja vieles noch einmal verdichtet werden und – nicht sarkastisch gesprochen-  der leere zugehen.

(24. juni 2013)
viel zeit ist seit der letzten eintragung vergangen, nicht, dass ich nichts gelesen hätte, der übergang in das sommerquartier bringt so viel an arbeit mit sich, dass die reflexion oft zu kurz kommt. es wäre zu berichten über leon und luise von alex capus, boštjans flug von florjan lipuš, lena in waldersbach von eduard habsburg zog natürlich die relecture von georg büchners lenz nach sich, das mutterbild im amerikanischen rahmen von miklos vajda und dann die bösen spiele von michael stavaric … rezensionen folgen bei gelegenheit..

  1. jänner 2013)

Was Grauen ist, erfährt man so nebenbei und ohne viel Federlesens im erst jetzt erschienenen Buch von Alaine Polcz „Frau an der Front“.(Suhrkamp Verlag 2012) Polcz, geboren 1925 in Siebenbürgen, war Psychologin und Gründerin der ungarischen Hospizbewegung (+ 2007). Erst nach dem Ende des Kommunismus in Ungarn konnte dieses Buch geschrieben werden, in dem das Wüten der russischen Soldaten unter den Flüchtlingen mit den brutalen Vergewaltigungen bei Kriegsende beschrieben wird, Frauen als Freiwild, Flüchtlingsströme, Seuchen und die schleichende Entmenschlichung auf allen Seiten. Im den laufenden Kriegshandlungen gerät die Autorin mit ihren Verwandten zwischen die Fronten und strandet schließlich in Budapest. In unglaublicher Unaufgeregtheit werden schlimmste Dinge erzählt, die Verfasserin verliert zwar den Glauben an Gott, aber letztlich nicht den Glauben an das Gute im Menschen. Das folgende Zitat macht einfach sprachlos: „Den letzten Rest gab mir der Anblick einer jungen Frau, die, im achten Monat schwanger, vor einem Feuergefecht in eine Scheune fliehen wollte und von einem Splitter in den Bauch getroffen wurde, zuerst quollen die Eingeweide heraus, dann das Kind, der Embryo wand sich auf dem Boden, die Mutter schrie, starrte entsetzt auf ihr Kind, dann starb sie. Es ist nicht zu beschreiben. Es gibt keinen Gott. Unmöglich, dass er das duldet.“ (174)

Davor habe ich die ausladende kriegssaga von helen bryon „fünf frauen, der krieg und die liebe“ gelesen, das schicksal junger mächen in england während des 2. weltkrieges, interessant ist die perspektive aus englischer sicht, da war die angst vor der invasion der deutschen wehrmacht massiv vorhanden und die bombarierungen wohl ebenso brutal wie die antwort der aliierten, diese aber verständlicher. ganz bin ich mit den einzelnen personen auch nach 480 seiten nicht zusammengekommen, es war verwirrend, aber wenn man einfach weiterliest und liest, rundet sich dann doch das bild. in der gattung der „sagas“  ein lesenswertes buch!

(12. Feber 2013)

„Nicht ganz von dieser Welt“ schreibt Andreas Isenschmied in der ZEIT über den 2011 erschienenen Roman „Die hellen Tage“ von Zsuzsa Bánk (edition kindle).Ein wunderschönes Buch, ein (zugegeben umfangreicher Roman, ca 540 Seiten) Buch von epischer Breite, ein Entwicklungsroman von drei Kindern, die im gleichen Dorf aufwachsen. Aja, Karl und Seri, die Erzählerin wachsen in einer Idylle in Kirchblüt, in der Nähe von Heidelberg auf. Langsam entfalten sich hinter den alltäglichen Geschichten die „hellen und dunklen Tage“, die mit den Kindern und ihren Eltern verbunden sind. Dass Évi nicht die Mutter Ajas ist, dass Zigi, der Vater, Aja mit „der Libelle“ zeugte, dass Seris Vater eine zweite, kleine Lebensgeschichte mit Elsa in Rom hatte, dass Karls Bruder einfach verschwand und die Eltern nie darüber hinweg kamen, sind tragische Eckpunkte, die nach und nach entwickelt werden. Eine Geschichte im Zirkusmilieu, eine Geschichte der Alphabetisierung im wörtlichen  und im metaphorischen Sinn, eine Geschichte des Erwachens erotischer Liebe, die nie ins Zentrum rückt, aber für viele Verwirrungen sorgt, viele Miniaturen, in ein Ganzes gepackt. Eines der großen, leisen Bücher, die gelesen werden müssen, damit unsere Welt so wunderbar süß und schmerzhaft bleiben kann …

(20. jänner 2013)

Bald nach dem Erscheinen las ich das Buch von Keri Hulme „Unter dem Tagmond“ (S. Fischer 1984). Aus Anlass der Frankfurter Buchwoche 2012, auf der die Literatur Neuseelands im Mittelpunkt stand, haben wir in unserer Literaturrunde bei Gaby und Paul Benedek dieses Buch für uns erarbeitet. Im Mittelpunkt steht vordergründig der kleine, stumme Simon, ein Überlebender eines Schiffsunterganges, der bei seinem Adoptivvater Joe aufwächst und eines Tages bei Kerewin Hulmes (in vielem wohl ein Abbild der Autorin, mütterlicherseits mit Maori-Vorfahren und väterlicherseits schottischer Abstammung, geb. 1947) auftaucht. Ein Kind mit vielen Geheimnissen und Ängsten, aggressiv, zerstörerisch und Geborgenheit suchend. Über das Kind lernt Kerewin Joe kennen, der Frau und eigenes Kind verloren hat. Alle drei sind letztlich nicht beziehungsfähig. Das Zusammensein endet zuerst einmal in einer Katastrophe, Jos schlägt Simon zusammen, schwerst verletzt kommt er ins Spital, Joe ins Gefängnis und Kerewin zerstört ihre Klause, einen Turm, in dem sich die früher erfolgreiche Malerin zurückgezogen hatte.

Im zweiten Teil werden die drei Personen in Einzeldarstellungen auf eine karthartische Reise zu sich selbst geschickt und da wird besonders deutlich, wie sehr das Maori-Erbe bei Joe, die Familienbande bei Kerewin und das unerschütterliche Vertrauen Simons zu Joe die Drei wieder auf eine gemeinsame Reise schickt…

Weltliteratur! Gehört gelesen!!

(8. jänner 2013)

ein buch, so richtig für den jahresbeginn: thomas sautner, der glücksmacher (2012 aufbau verlag). es ist der vierte roman des 1970 in gmünd geborenen niederöstereichers (2006: fuchserde, ein roman über die jenischen). sebastian diemsch ist der protagonist dieses romans, der sich mit der frage befasst, ob und wie menschen glücklich werden können. diemsch arbeitet in einer versicherungsagentur, abgestellt in einem kammerl abseits des geschehens, da er sich unterbeschäftigt fühlt, beginnt er philosophische werke zu lesen, über das glück. so allmählich rückt er in das firmengeschehen, indem er unangenehm auffällt. die firmenleitung fühlt sich durch ihn verunsichert, weil er sich nicht anpasst, bei den arbeitskolleginnen  und –kollegen hingegen ist er beliebt, er wird dem leitungstrio (infernal) gefährlich, man vermutet, dass er vom aufsichtsratschef protegiert wird, ihm wird ein projekt anvertraut, das offensichtlich zum scheitern verurteilt ist, eine „glücksversicherung“ auf die beine zu stellen. weil dies gelingt, beginnt die sache aus dem ruder zu laufen… bitte selbst lesen – weil es ein vergnügliches buch ist. fazit: so geht es in firmen zu, so kann man als maus (sie kommt vor) alles untergraben, glücklich wird man nicht durch das lesen der glücksphilosophen, glück ist in dem augenblick schon vorbei, wenn man darüber nachzudenken beginnt. ein schwereloses, heiteres buch, vielleicht ein wenig kitschig, aber genau das tut ja auch gut. nicht nur am jahresbeginn .

(29. dez. 2012)

das nahende jahresende ist auch anlass, das lesejahr revue passieren zu lassen, es gab einige schöne, teilweise ja schon notierte bücher, stillbach von sabine gruber oder maia haderlaps engel des vergessens, dann natürlich blasmusikpop von vea kaiser und die verteidigung der missionarsstellung von wolf haas, insgesamt habe ich ja mein jahrespensum von „ein buch pro woche“ wieder einmal erfüllt und so als abschluss noch ein kleines bändchen gelesen: peter handke, versuch über den stillen ort (suhrkamp 2012). von lieben freunden geschenkt, lag es unter dem (nicht vorhandenen) christbaum. nachdem ich handke einigermaßen in seinem fortschreiten hin auf den büchermeter verfolge, nun dieser versuch. einerseits ein vergnügliches erinnern an eigene erfahrungen im stillen örtchen, das sich ja als durchaus meditativer ort erweist, nicht nur bei handke, ich gestehe auch, mehr als eine idee für veranstaltungen oder themen für eine schreibwerkstatt wurden da ersonnen. handkes schreibstil: marke alter meister, der vor sich hin assoziiert und vor die aufgabe gestellt, zu jeden beliebigen thema was sagen zu können, jederzeit einen essay abliefern kann. so etwas liegt hier vor. natürlich erhält man beim lesen auch früchte: verschwunden im stillen ort, springt die sprach- und wörterquelle frisch auf, frischer denn vielleicht denn je zuvor (108)… es muss schon mit dem alten freud zusammenhängen, das loslassen ein ganzheitlicher prozess ist, obstipation und schreibblockade diarrhöe und logorhöe haben die selben wurzeln…

(21. Nov. 2012)

Wenn sie einen älteren Mann in einem Café mit Tränen in den Augen immer wieder auflachen sehen und in sich hinein kichern, dann liest er garantiert den Anfang oder das Ende der „Verteidigung der Missionarsstellung“von Wolf Haas. Wobei der Buchtitel eigentlich überhaupt nichts mit dem Inhalt zu tun hat, wenngleich bei der köstlichen Konstruktion des Buches ich nicht glaube, dass er nicht von Haas selbst stammt. Was da an Erwartungen geweckt, an schrägen Verbindungen, an Sprachspielereien aufs Tapet kommt, gehört zum Besten in der neueren deutschen/österreichischen Literatur. Vom Inhalt verrate ich gar nichts, wer das Buch nicht liest, verdient auch eine Inhaltsangabe nicht. Dabei garantiere ich höchstes Lesevergnügen – Leserin und Leser dieser Zeilen müssen sich einzig auf meine Empfehlung hin an das Buch wagen…

(1. November 2012)

Lilian Faschingers Roman „Die Unzertrennlichen“(Zsolnay 2012) ist wieder ein Krimi und ein Heimatroman. Angesiedelt im Sausal, beginnt die Geschichte skurril mit einem Blitzschlag beim Begräbnis des Vaters der Erzählerin Sissy Fux. Dabei wird der Arzt Stefan eingeführt, die wiederum der Mann ihrer besten Freundin Regina, die vor zwei Jahren in Italien ertrunken ist. Vielleicht auch nicht. Das bringt die Handlung in Schwung, Sissy, die mit Stefan eine Beziehung begonnen hat, fährt nach Procida, um nach den Umständen des Todes von Regina zu forschen, entdeckt, dass die ach so bewundernswerte Beziehung zwischen Regina und Stefan glänzende Fassade war, hinter der Regina es mit vielen Männern trieb und Stefan so lange erniedrigte, bis er mit einer Buddhafigur zuschlug. Im Sausal, Regina versenkte er in einem Moor im Sausal, Sissy wäre dabei auch noch fast ein Opfer ihres Liebhabers geworden. Neben der Handlung ist viel Lokalkolorit eingearbeitet, die Menschen im Sausal sind neugierig wie überall, gehässig wie überall und auch entsprechend fremdenfeindlich, durchaus süffig beschrieben. Störend sind die „Zufälle“, die die Handlung weitertreiben, besonders ärgerlich ist das Auffinden eines Speichersticks in der Jacke der Verschwundenen, auf dem fein säuberlich getextet ist, was für ein Biest diese Regina ist. Dass Faschinger eine Kärtnerin ist, zeigt sich daran, dass der Großvater die steirische Ausgabe der Kleine Zeitung liest, zweimal wird dies erwähnt, dass das Sacre Coeur-Kloster in Graz nicht die Leonhardstraße, sondern die Petersgasse als Adresse hat, sei nur erwähnt, weil es wehtut… Nicht das stärkste Buch der Lilian Faschinger.

Endlich Ray Bradbury „Fahrenheit 451“ gelesen. Das 1953 erschienene Buch ist „brandaktuell“, hier kann man eine frühe Vorlage für unsere Event- und Medienkonsumwelt sehen. Bewundernswert, wie Bradbury die Welt der Jahrtausendwende vorausgeahnt hat, mit ihm nicht zugänglichen Entwicklungen der Elektronik noch nicht konfrontiert, erzielt er mit seinen Erfindungen genau die Ergebnisse, die heute Alltag sind. Bücher sind in dieser Welt gefährlich, die Feuerwehr ist dazu da, Bücher aufzuspüren und zu verbrennen. Montag, ein Feuerwehrmann beginnt das Verhängnis dieser Gesellschaft zu erahnen, er wird sich einer Verfolgungsjagd nur deshalb nicht gefasst, weil inzwischen der große Krieg ausgebrochen ist. Das Buch ist voll mit klugen Sätzen über den Zustand unserer Welt, …“Ihre (der Bücher) Zauberkraft beruht auf dem, was darin steht, wie darin aus Fetzen des Universums ein Gewand für uns genäht wurde“ (99, Heyne TB). Wer sich näher mit der Gesellschaft von Fahrenheit 451 beschäftigen will, findet auf Wikipedia Entsprechendes.

(28. Oktober 2012)

Natürlich habe ich den neuen Roman von Martin Walser, „Das dreizehnte Kapitel“ gelesen, wie könnte ich nicht. Sogar den auf Papier, er muss ja in die reihe der Walserromane eingegliedert werden. Und das ist gut so. Wie immer, wenn sehr alte Männer (alt bin ich auch) sich in Liebessachen ergehen ist der Vorwurf präsent, sich etwas sabbernd über dieses Thema herzumachen, kämpfend mit Erinnerungslücken, „da war doch was“. Hier begegnet ein Schriftsteller auf einem Empfang einer Theologin, er ist von ihr fasziniert, sie nimmt ihn nicht wahr. Er schreibt ihr und nach einiger Verzögerung beginnt ein Briefwechsel. Natürlich hat man „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer gelesen und der Vergleich drängt sich auf, nur wird hier vorerst nicht gemailt, später antwortet sie auf dem I-Phone … Es geht ums Briefeschreiben in einer höchst gewählten, fast manierierten Sprache – ach, wie liebe ich sie – ein wenig ist Walser ja auch schon Goethe… Was sich zwischen den Beiden tut, ist erotisch höchst subtil und niemals untergriffig, ein Vergnügen vermischt mit ein wenig Bangigkeit, werden die Zwei intim werden? Aber da pocht der Todesengel einmal an die Tür, der Mann der Theologin erkrankt schwer und es gilt, seinen (letzten) Willen zu erfüllen, die Große Radtour in Amerika endet tödlich und so finden sich der Schriftsteller und seine Frau wieder und sie schenkt ihm den Titel ihres Buches. Ein wunderschönes Buch!

(24. september 2012)

Vea Kaiser (23jährige Niederösterreicherin!) hat mit “Blasmusikpop oder wie die Wissenschaft in die Berge kam“ (KiWIeBook 2012) ein echtes Kunststück vollbracht: man kann einen Heimatroman schreiben, der kein Heimatroman ist, aber viel von einem Schelmenroman hat, man kann einen sentimentalen, grotesken, aber nicht kitschigen Roman schreiben mit viel Herz für ein fiktives Dorf, das so ziemlich alle Stereotype aufweist, sie aber nicht bösartig aufs Korn nimmt sondern ans Herz legt: so sind wir vom Land. Geschichten über Geschichten werden da erzählt, eine skurriler als die andere, vom Großvater, dem Bandwurmforscher Johannes Gerlitzen, von seinem Vater mit seinem Wunsch, in den Weltraum zu fliegen, von Johannes A. Irrwein vor allem, der ins Gymnasium darf und in der Nachfolge des antiken Geschichtsschreibers Herodot die Geschichte seines Dorfes St. Peter am Anger schreibt, bei der Matura vorerst durchfällt, ein Fußballfreundschaftsspiel gegen den FC St. Pauli organisiert, bei dem Andy Borg im Rahmenprogramm singt und er endlich das Mädchen aus der Stadt küsst…Das alles ist mit viel Charme und Augenzwinkern geschrieben, ein neuer Stern auf dem österreichischen Poetenhimmel ist aufgegangen!

(31. august 2012)

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry von Rachel Joyce gehört zur neuerdings aus dem Boden sprießenden Gattung der Pilgerromane, die wohl von Paolo Coelho angestoßen wurde (ich verstehe nicht, was die Menschen daran fanden), Hape Kerkeling gehört in diesem Zusammenhang zu „den Guten“… Nun, dieser Roman fällt aus dem Rahmen, weil er nicht den Jakobsweg zum Inhalt hat. Dem spontanen Entschluss, eine zum Sterben sich zurüstende ehemalige Arbeitskollegin zu besuchen, folgt ein Leidensweg, geht er doch in Leinenschuhen, ohne irgendeine Ausrüstung mitzuführen, los. Die tausend Kilometer durch England sind eine Katharsis für den gar nicht großartigen Helden, der aber einen Reifeprozess durchlebt, der ihn zu einer Art Heiland macht. Es bildet sich eine Jüngergemeinde, die ihm Begegnenden verändern sich, erkennen das Gute in sich, wenden sich von ihm ab, ganz wie es in der Bibel lesen, auch das Scheitern des Helden am Ende ist gegeben und auch eine Art Auferstehung, wenn man an das Zusammenfinden der Eheleute denkt.
Kann ich nur weiterempfehlen!
Übrigens, auf Kindle gelesen, wie auch Bei aller Liebe von Karin Lübbe und Ohnegrund von Schulamit Meixner. Aber alles muss ja nicht besprochen werden…

(25. juni 2012)

Es herrscht etwas Flaute im Literaturbetrieb, es gibt keine hervorragenden Neuerscheinungen – meiner Meinung nach. Ich habe den Bestseller von Jonas Jonasson und Wibke Kuhn „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ mit viel Vergnügen (auf dem Kindle) gelesen, eine Farce, die sich als Sommerlektüre hervorragend eignet und gleichzeitig auch herausfordert, weil man schon gut mitdenken muss, um auf alle Finten draufzukommen… Aber es ist, was es ist: ein Schelmenstück zur Unterhaltung…
Dann habe ich wieder das unglaublich wichtige Buch von Gabriel Garcia Marquez „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ wieder gelesen. Ein Jahrhundertroman, meine ich. Ja, die Gedichte der Wislawa Szymborska„Hundert Freuden“ haben mich auch hoch erfreut.

(17. april 2012)

Julia Francks „Rücken an Rücken“ (S. Fischer) und Paul Hochgatterers Roman „Das Matratzenhaus“ (dtv 2011) gelesen. Zwei sehr verschiedene Bücher und doch haben sie, vielleicht an den Haaren herbeigezogen was miteinander zu tun, vielleicht ist es auch nur die unmittelbare Nähe des Lesens. Julia Franck erzählt von einem Geschwisterpaar, das von der Mutter, einer Bildhauerin vernachlässigt wird, weil sie eine erfolgreiche Künstlerin in der DDR ist und die Kinder lästig findet. Das Mädchen Ella wird vergewaltigt, Thomas soll Medizin studieren und zuvor sich in einem Steinbruch als Arbeiter bewähren, DDR-Ideologie wird hier in ihrer „Normalität“ ausgebreitet, beim Praktikum im Krankenhaus lernt er dann eine Krankenschwester lieben und sucht mit ihr den Ausweg aus dem Dilemma der Frau zwischen Familie und Liebhaber im gemeinsamen Tod. Für mich – im Gegensatz zu anderen Rezensionen – ist die Atmosphäre der DDR sehr gut getroffen, auch das exaltierte Milieu, in dem die Künstlerin und die Stasiallgegenwart verflochten werden. Hochgatterers Roman wiederum hat mir bis zum Schluss Probleme bereitet, ein Kriminalkommissar und ein Psychiater versuchen auf verschlungenen Wegen den Fall von Kindern aufzuklären, die von Schlägen und Misshandlungen berichten, ein Benediktiner, der via iPod von Gott Bob Dylan Botschaften erhält, eine Lehrerin, die sich mit Rasierklingen misshandelt, um einen Todessturz vom Baugerüst, ein adoptiertes Mädchen, das offensichtlich missbraucht wird, vielleicht ist das ein Krimi, sicher aber ist es eine meisterhafte, weil so distanzierte Beschreibung von Schicksalen in verwirrenden Handlungssträngen, die es wohl erforderlich machen, dass ich nach dem Lesen von Rezensionen das Buch noch einmal lesen sollte. Ein Tipp: zuerst die Rezensionen im Internet lesen und dann er das Buch, das erspart vielleicht meinen mühsamen Erkenntnisweg. Aber das Buch hat Klasse. Und was ist mit der Vergleichbarkeit der beiden Bücher? Es sind die Schicksale von Kindern und Jugendlichen, die beim Erwachsenwerden nur Hindernisse auf dem Weg finden.

(31. jänner 2012)

Maja Haderlap hat mit ihrem Buch „Engel des Vergessens“ einen Teil der österreichischen Geschichte diesem Vergessen entrissen. Die Geschichte der Slowenisch sprechenden Kärntner Partisanen, die wegen ihres aussichtslosen Kampfes gegen die Nazidiktatur, die ihrer Sprache und Kultur ein Ende setzen wollte, in der 2. Republik verdrängt, verschwiegen und der Landesverrat vorgeworfen wurde von jenen, die ihr nationalsozialistisches Gedankengut ungestraft in die Politik des Landes eingebracht haben.

Auf dem Hintergrund dieser Auseinandersetzungen erzählt Maja Haderlap, Kärntner Solowenin, Bachmannpreisträgerin 2011, aus Eisenkappel/Želenzna Kapla die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend, erzählt von der Großmutter, die ins KZ Ravensbrück verschleppt wurde, erzählt von den Traumatas ihrer Eltern. Was ganz idyllisch beginnt mit der Schilderung des alltäglichen Lebens auf dem Land, wächst sich mit der Zeit zu einer beklemmenden und atemberaubenden Vermessung einer terra incognita aus. Eher eine Familienbiographie denn ein Roman, kann Haderlap ihre erste Berufung zur Lyrikerin (ihre Gedichte veröffentlichte sie in Slowenisch) nicht verbergen, ihre bilderreiche Sprache vermengt mit beeindruckenden Reflexionen über der Erlebte, machen dieses Buch zu einem wichtigen Puzzleteil der österreichischen Identität. Pflichtlektüre!

(19. jänner 2012)

Im Zuge der Vorbereitung auf das Odyssee-Seminar im Bildungshaus Mariatrost habe ich den Roman „Die Heimkehr“von Bernhard Schlink (Diogenes 2006) noch einmal gelesen. Dabei war mir natürlich der Bezug zu Odysseus besonders wichtig und ich bin von der Konstruktion des Buches begeistert, obwohl ich auch eingestehen muss, dass vieles, wie verschiedene Kritiker urteilen, konstruiert und zuviel des Guten gewollt ist. Dennoch, die Geschichte, die der junge Peter Debauer als Teile eines Groschenromans liest, eine Heimkehrergeschichte, deren Ende, die in den Blättern fehlt, er sein weiteres Leben lang sucht und dabei auf seine eigene Vatergeschichte stößt – der Vater selbst ist der Verfasser dieses Groschenromans, der sich nach dem Krieg, in dem er als Beteiligter schuldig geworden ist, nach Amerika abgesetzt hat, dort als Rechtsprofessor Karriere gemacht hat und eine neue Familie gegründet hat. Die Suche nach dem Vater führt Peter Debauer auch nach Amerika und letztlich stellt er ihn nicht, findet nicht zu ihm, eine Telemach – Odysseus-Geschichte, die nicht so ausgeht, wie es das Original vermuten ließe. Zugleich ist Peter auch Odysseus, der mit seiner Freundin und Frau Barbara auch das Penelope – Odysseus-Thema in vielen Facetten durchspielt, auch in Bezug zu den Frauenbeziehungen, die er den Frauengestalten der Odyssee zuordnet … und viele andere Parallelen sind zu finden in diesem Roman des Autors, der mit dem Buch „Der Vorleser“ berühmt wurde.

(7. jänner 2012)

Sabine Grubers Roman „Stillbach oder Die Sehnsucht“ ist ein Leseerlebnis für Menschen, die beim Lesen auch was lernen möchten. Ausgehend vom erfundenen Ort Stillbach in Südtirol wird in zwei Rahmenhandlungen die Geschichte von zwei Frauen aus Stillbach erzählt, die als Dienstbotinnen in Rom gearbeitet haben. Dabei wird aber italienische und südtiroler Zeitgeschichte aufgearbeitet, das Massaker in den ardeatinischen Höhlen (1944) mit seiner Vorgeschichte bis zum Mord an Aldo Moro (1978) bilden die Brennpunkte in einer Ellipse, das Drumherum ist das Schicksal der kleinen Leute. Das beliebte Motiv des Auffindens eines Romanmanuskripts findet sich ebenso wie die Wiederkehr bereits bekannter Personen in einer späteren Erzählebene. Dass die Autorin Sabine Gruber, gebürtige Südtirolerin, im Roman mit der Edition dieser Blätter betraut wird, mag als augenzwinkernder Versuch gelten, dem Geschehen noch mehr Historizität zu verleihen. Ein wunderbares Buch!

(26.dezember 2011)

Umberto Ecos „Der Friedhof in Prag“ ist ein zwiespältiges Meisterwerk. Insgesamt eine spannende Nachhilfestunde in Geschichte, die über den austiazistischen Blickwinkel hinausreicht, wer weiß denn schon über die Einigung Italiens unter Garibaldi, über die Dreyfusaffäre richtig Bescheid? Na, und dann die „Protokolle der Weisen Sions“, dieses Machwerk, das den Nationalsozialisten als Beipackzettel für ihren antisemitischen Vernichtungsfeldzug gedient hat? Eco entwickelt eine unglaubliche, beängstigende, skurrile und dennoch mit den Fakten übereinstimmende Entstehungsgeschichte. Mit der einzigen erfundenen Figur, dem Capitaine Simonioni, schuf Eco einen Bösewicht, der allerdings in der realen Geschichte oftmals übertroffen wurde und wird, aber Eco zeigt an ihm, wie das geht und wie auch eine solche Figur auch als Identifikationsfigur dienen kann, man ist als Lesender betroffen.

Ein überaus verwickelter Roman, selbst Eco gesteht, dass er nicht immer den Durchblick hatte (wohl ein fishing for compliments), ich hatte ihn über Strecken nicht. Formal überaus kunstvoll entwickelt er die Handlung aus einer Amnesie des Capitaine Simonioni und die Lesenden werden Zeugen, wie er wieder zu seiner Identität findet – und damit wird auch die Geschichte erzählt. Über weite Strecken ein Genuss, ich hätte auf den italienischen Teil verzichten können, der Roman wäre straffer und leserlicher geworden, aber die stupende Belesenheit des Professore Eco will halt auch ans Tageslicht…

(28. Nov. 2011)

Inge Merkels „Eine ganz gewöhnliche Ehe“ (Residenz 1987) im Zuge unseres Odysseusprojektes (Veranstaltung „Zeitloses – Zeitgeistiges“ im Bildungshaus Mariatrost) wieder gelesen. Ich denke, es gibt wenige Bücher, die das Thema Mann und Frau tiefer beleuchten. Die Odyssee aus der Sicht von Penelope, der Frau, die weithin als die von den Freiern bedrängte Gattin erinnert wird, die des Tags am Leichentuch für ihren Schwiegervater Laertes webt und des Nachts wieder auftrennt, um die Fertigstellung zu verhindern, damit sie sich nicht für einen der sie Bedrängenden entscheiden muss. Aus Penelopes Sicht stellt sich die Sache als ein Männerproblem dar: Männer können gar nicht anders, sie müssen das bergende Haus, die liebende Gattin verlassen und sich in der Welt umschauen, vor allem in den Grotten, in denen Nymphen hausen. Männer würden zu Hause versauern, das erkennt sie und sie ist auch nachsichtig: „Ja, ich weiß, nach neun Tagen und Nächten auf brüllender See, da braucht einer ja wirklich Erholung. So ungefähr sieben Jahre …“ (305). Merkel seziert mit feiner Klinge die vorgebrachten Argumente ihres Helden, ihre Ironie ist so wohltuend in dem Mythengeklimper, das Odysseus seiner treuen Frau serviert. Dass sie gelitten hat wie ein Hund, dass sie nicht nur einmal versucht war, dem Werben nachzugeben, wird klar, aber es hielt sie etwas zurück, das sie am Totenbett des Odysseus entwickelt: „Dein Nest blieb rein. Nicht wegen meiner Tugendhaftigkeit, dass du nur das nicht glaubst, sondern wegen meines Unvermögens, das ich zeitweilig gehasst habe. Die Schwelle zu deinem Nest hat keine fremde Sohle betreten, weil dein Gesicht im Weg gestanden ist, deine spöttischen Augen“ (426). Da mag etwas aus einer Zeit herüber wehen, das heutzutage nicht mehr gefragt ist, Ein Frauenschicksal angesichts eines Mannes, der vorgibt, wie Beziehungen auszusehen haben, gestaltende Männer, erleidende Frauen. Vorbei. Gott sei Dank. Sollten Frauen mittlerweile auch ganz anders ticken, den Odysseus haben sich die Männer nicht austreiben lassen, behaupte ich einmal. Damit ist das Problem nur verschoben, auch wenn Frauen sich viel vom Archetyp Odysseus abgeschaut haben sollten, das entscheidende Problem bleibt, das Penelope am Totenbett so klar formuliert: die Bedürfnisse nach Zuneigung, nach Ausschließlichkeit werden nicht kommuniziert, es gibt ein letztes Unverständnis, das allerdings Penelope deutlicher zu formulieren vermag. Unbedingt (wieder) lesen!

(27. oktober 2011)

ich gestehe, ich habe es gelesen, das neue buch von charlotte roche „schoßgebete“. auch wenn sich jetzt alle gutbürgerlichen leserInnen von mir abwenden: es ist ein lesenswertes buch, kein genial-poetisches, aber auch kein buch einer kleinen naiven, berechnenden skandalnudel, wie dies so sehr im schwange ist. hier erzählt die 33jährige elisabeth kiehl, wie sie sich durchs leben schlägt. das leben hat sie mit dem tod dreier halbgeschwister durch einen autounfall ihrer mutter aufs äußerste gefordert, jetzt ist ihr anliegen, ihren mann durch alle möglichkeiten, die der sex bietet, an sich zu binden, denn eine weitere trennung würde sie nicht überleben. georg, ihr mann hält sie dafür mit ihren neurosen und wohl auch psychosen aus. dieses sensible gleichgewicht – im interesse ihrer beziehung zu ihrer tochter, der sie geborgenheit bieten will – ist ihr ein und alles. ihre ängste, – selten kommt so deutlich zum ausdruck, dass umweltbewusstsein in neue zwänge führen kann – beherrschen ihr leben und daher auch bilden die gespräche mit ihrer therapeutin einen roten faden durch das buch. auf der metaebene wird deutlich, dass die konsequente leugnung eines gottesbezuges das leben keineswegs erleichtert, aber charlotte roche ist wohl mit der icherzählerin in diesem fall so weit identisch, dass sie ihren kampf gegen katholische sozialisation hier authentisch einbringt, mit dem ergebnis, dass die schuldgefühle mit dem ablegen des gllaubens noch lange nicht ad acta gelegt sind. wer mit längeren schilderungen diverser sexueller praktiken, mit dem gemeinsamen bordellbesuch mit dem eigenen mann, mit spul- oder anderen würmern im analbereich abfindet, kann aus der lektüre dieses buches großen gewinn ziehen! eine frau, jedefrau?

(25. september 2011)

hat nun martin walser einen jesusroman geschrieben oder eine art autobiographie? muttersohn (rowohlt 2011) ist ein grandioses werk, das sich aber erst nach und nach erschließt. mit bedeutung aufgeladene figuren bevölkern das alterswerk dieses großen autors. percy (parcival!) wurde nach aussagen seiner mutter fini ohne vater gezeugt, von percy geht eine heilende kraft aus und er, der nur liebe bringen wollte, wird aus verschmähter liebe erschossen. der percy in der klinik zugewiesene ewald kainz erweist sich als sein vater, seine lebensgeschichte wird erzählt, „mein jenseits“ (2010 als vorausveröffentlichung) erweist sich als 3. kapitel dieses werkes, in dem professor feinlein uns wieder begegnet… das ganze werk ist durchzogen von sätzen, die man sich notieren muss, von skurrilen einfällen wie oblomov XI, eine papierschreddermaschine, in der gelesene, aber nie veröffentlichte texte landen usw. nur zeit braucht man, um den intuitiven faden nicht zu verlieren, dann ist das buch das reine lesevergnügen! und sätze wie diese; „Glauben heißt die Welt so schön machen, wie sie nicht ist“ (352) oder der dialog mit gretel strauch (118ff), die beschreibung der madonna die pellegrini (295ff), ach, man könnte so viel nennen. lesen!!

(22. august 2011)

Wieder bin ich an einen umstrittenen Roman geraten: Albert Ostermeiers „Schwarze Sonne scheine“ (Suhrkamp Verlag 2011) Die Geschichte ist ziemlich absurd, ein junger Mann, Sebastian, auf dem Weg zum Schriftsteller, erfährt nach einer Jemenreise von einer Professorin, dass er mit einem fürchterlichen Herpesvirus infiziert sein, das ohne Behandlung innerhalb eines halben Jahres zum Tode führe und nur sie könne ihn heilen. Die Ärztin wurde ihm von einem (väterlichen) Freund, einem umtriebigen Abt eines bairischen Klosters empfohlen. Sebastian stürzt in die tiefsten Abgründe, in einem zweiten Erzählstrang ist er dabei, die Eltern schwer zu enttäuschen, weil er den elterlichen Betrieb nicht übernehmen will, er will sich aufs Schreiben verlegen. Nur Freundin glaubt nicht an die Diagnose, der Abt enttäuscht ihn, da er seltsam zurückhaltend reagiert und sich nicht als der Mensch erweist, der er zu sein vorgab in den früheren Jahren. Überhaupt ist dieser Abt ein merkwürdig gespaltenes Wesen, in aller Welt unterwegs, um Ordensprojekte zu verwirklichen, er gilt als spiritueller Meister und andererseits frönt er auserlesenen Genüssen in Nobellokalen– bezahlen muss Sebastian… Dass der Abtprimas Notker Wolf als Vorlage diente, drängt sich förmlich auf. Das ist eigentlich keiner besonderen Meldung wert, wäre da nicht die erschreckende Erkenntnis Sebastians, dass die Professorin eine Schwindlerin ist und er pumperlgesund ist. Sein Impuls, die ganze Geschichte auffliegen zu lassen, den Abt und die angebliche Ärztin in den Medien fertig zu machen, scheitert am Veto seiner Familie, die befürchtet, dass die Abtei und mit ihr „die Kirche“ durch ihrem Einfluss (wir sind in Bayern!) den Betrieb der Eltern finanziell abwürgen könnte. In einer Art Rahmenhandlung muss Sebastian wirklich operiert werden, weil er durch einen Blinddarmdurchbruch fast ums Leben gekommen wäre… Dieses Element braucht Ostermeier offensichtlich, um Spannung aufzubauen und die Ängste Sebastians zu unterfüttern. In metaphernreicher Sprache wird eine kirchliche Sozialisation erzählt, eingefärbt bis in die Wolle ist dieser junge Mann und das Vertrauen in den Priester kann in die Nähe des Missbrauchs gerückt werden, nicht in sexueller Hinsicht, aber in psychischer Hinsicht – die Folgen sind für Sebastian katastrophal. Ich meine, Ostermeier hat ein wichtiges Buch geschrieben, es lohnt sich, es zu lesen.

(4. august 2011)

Gerade zur rechten Zeit, vor Antritt einer Irlandreise habe ich „Tod und Nachtigallen“ von Eugene McCabe gelesen. Der Roman handelt an einem einzigen Tag, am 3. Mai 1883 (lässt da James Joyce grüßen?) und bietet neben fundierten Informationen über die Befreiungskämpfe in Irland, über die soziale Situation dieses Auswanderungslandes, über die konfessionellen Zwistigkeiten und die bis heute nachwirkenden tödlichen Auseinandersetzungen die Geschichte einer jungen Frau, die auf dem Anwesen ihres Stiefvaters auswächst, von ihm enterbt und mit Zudringlichkeiten gequält. Sie lernt einen jungen Mann, einen Pächter ihres Stiefvaters kennen und lieben (Lady Chatterley’s Lover von D.H. Lawrence fällt mir ein), erwartet von ihm ein Kind, will mit ihm und dem vom Stiefvater gestohlenen Geld fliehen, als sie entdecken muss, dass ihr Geliebter sie ermorden will und sich allein über alle Berge machen will. Dieser beeindruckende Roman endet in einem beängstigenden Finale.

(29. juli 2011)

Gerhard Roths „Orkus“ ist keine leichte Sommerlektüre, es ist Roths Beschreibung seines inneren Universums, das bedrohlich nahe am Abgrund angesiedelt ist, in seinem Orkus versammeln sich seine Romanfiguren und die Menschen, mit denen er im Laufe seines 70jährigen Lebens Umgang hatte. Die Jenners, Lindners und Sonnenbergs, die Begegnungen mit Simon Wiesenthal, Bruno Kreisky, Franz Fuchs, Wolfgang Bauer usw., besonders eindrucksvoll sind die Begegnungen mit jenen Sonderbegabungen, die im Alltagsleben ausgegrenzt werden, für „Spinner“ gehalten werden wie etwa der Schweizer Adolf Wölfli, allein diese Vorstellung dieses Künstlers gehört zu den beeindruckendsten Schöpfungen Roths, die Künstler von Gugging die Serien von Künstlerbiographien und die Abstiege in die Unterwelten Wiens, wo soll man nur anfangen und wo aufhören mit dem Nacherzählen des Inhalts. Dabei ist kein Roman entstanden, Handlung gibt es nur in den Miniaturen, assoziativ aneinander gereihte Stücke, einzelne Puzzlesteine, die sich unter dem Gesichtspunktes eines Lebensrückblickes eine Patschworkidentität ergeben, grandios die Schlussvision, bei der einer Kunstfigur am Kippen aus der Realität zugesehen werden kann. Orkus ist eine persönliche Ergänzung zum siebenbändigen Zyklus „Die Archive des Schweigens“ und sollte erinnern, dass Roth zu den stillen großen Autoren Österreichs zählt.

(24. märz 2011)

Peter Stamm, Sieben Jahre. (S. Fischer 2009). Es lag schon über ein Jahr ungelesen im Schrank, da drängte es sich mir auf, die Zeit dafür offenbar reif und in einem Zug habe ich es gelesen, zuerst mit undefinierbarem Widerwillen, bis ich in den Mahlstrom des Geschehens hineingezogen wurde. Alexander erzählt einer Freundin seine Geschichte mit Sonja, die er in der Studentenzeit kennen lernte, nach einigen Anläufen heiraten sie und führen ein Architekturbüro. Eigentlich von Anfang an in einer Nebenrolle dabei ist Iwona, eine stille polnische Buchhändlerin ohne Aufenthaltsgenehmigung. Sonja ist eine begabte Archtektin, hübsch, perfekt und aus der besseren Gesellschaft, Iwona ist stumpf und unscheinend, dennoch zieht es ihn immer wieder zu ihr und als sich der Wunsch Sonjas nach einem Kind als unerfüllbar zu erweisen beginnt, wird Iwona von ihm schwanger. Alexander und Sonja nehmen das Kind bei sich auf, Sophie weiß nicht, dass Sonja nicht ihre Mutter ist. Die Ehe verläuft unauffällig, es ist nicht die große Liebe, aber auch kein Anlass zur Sorge, dennoch zieht es Alexander immer wieder zu Sonja, die am Beginn erklärt, dass sie ihn liebe und danach ihr Leben mit Warten verbringt und dabei nicht unglücklich zu sein scheint. Sie redet zu ihrer Cousine von ihrem Mann, obwohl er versucht, mit ihr Schluss zu machen. Als es mit dem Architekturbüro abwärts geht, nimmt Sonja eine Stelle als Architektin in Marseille an, Alexander gerät in eine Lebenskrise, das Kind wird den Schwiegereltern überlassen. Sonja kommt zurück, um ihm zu erklären, dass sie endgültig von ihm wegwill. Ein Mann seziert und betrachtet im Erzählen sein Leben, oft beiläufig, ohne große Emotionen sucht er sich zu ergründen. Sieben Jahre bezieht sich auf den Patriarchen Jakob, der nach sieben Jahren die falsche Frau, Lea, bekommt und weitere sieben für die Erwählte, Rachel, arbeiten muss. Der angekündigte Weggang Sonjas und der (endgültige?) Abbruch der Beziehung zu Iwona lassen einen Mann zurück, der sich frei fühlt: Ich war nicht fröhlich, aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich sehr leicht und wach, als sei ich nach einer langen Bewusstlosigkeit endlich zu mir gekommen. Ich lehnte mich mit dem Rücken an das etwas nach außen geneigte Glas und hob den Kopf und sah über mir den leeren Himmel, der mir auf fast absurde Weise schön zu sein schien. (298). In „Blitzeis“ (1999, Erzählungen) gibt es eine Stelle, die mir für dieses Buch zu gelten scheint: „Du darfst nicht zu viel erwarten“, sagte ich. „Glück heißt, das zu wollen, was man kriegt“ (97). Der schweizer Autor Peter Stamm gehört zu den Großen  der Gegenwart.

(8. märz 2011)

arno geigers buch „der alte könig in seinem exil“ wird mit recht über den grünen klee gelobt. wie ein sohn mit seinem in die demenz fallenden vater umgeht, ist berührend und leicht und äußerst kompetent beschrieben und mir tut es leid, dass ich viele dinge davon nicht schon früher gewusst habe. die rezensionen über das buch sind legion und so kann ich nur sagen: bitte lesen! ein kleiner auszug (118): Wir lernten, dass die Scheinheiligkeit der Wahrheit manchmal das Allerschlimmste ist. Sie brachte die Sache nicht weiter und diente allen schlecht. Einem Demenzkranken eine nach herkömmlichen Regeln sachlich korrekte Antwort zu geben, ohne Rücksicht darauf, wo er sich befindet, heißt versuchen, ihm eine Welt aufzuzwingen, die nicht seine ist.

(4. märz 2011)

731 Seiten sind eine gewisse herausforderung, weil man ja nicht sicher sein kann, dass es sich um einen roman von belang handeln muss, auch wenn man seinerzeit die korrekturen gelesen hat. jonathan franzens neuer roman freiheit ist, wie die sehr ausführliche rezension von ursula märz in der ZEIT (8. sept. 2010) untertitelt, „ein großer therapeutischer roman, der die welt beglücken soll“ (merks, leserin&leser, ich zitiere … von&zu guttenberg seis gedankt). da es in meinem literarischen tagebuch ja nicht meine absicht ist, inhalte zu erzählen, will ich auch hier wieder nur von meinen leseerlebnissen erzählen, mir ging das amerikanische dieser mittelschichtfamilien mit ihren mittelschichtwerten immer wieder gräßlich auf die nerven, dieses angestrengte gutemutter- und guternachbarsein, diese unendlichen basketballgeschichten und die pubertären dates mit ihren ritualen undundund. der große duktus, der jedes der familienmitglieder der familie berglund und deren lover&gespielinnen durchhechelt, wird zur großen metapher einer welt, die uns in europa wohl 1:1 auch einholen wird. besonders amüsant fand ich die eingeschobenen novellenartigen stränge wie etwa den über die „waldsängerbergstiftung“, die kampagne gegen die übervölkerung der welt, vogel&katzenkrieg walter berglunds oder die machenschaften um die lastwagenersatzteile, mit denen sohn joey mit vielen schuldgefühlen noch mehr geld macht. es geht um walter und patty. dieses paar mit symbiotischem selbsterzörungsdrang findet sich nach großen irrwegen am ende in einem happy ending, so wie es sich in amerika wohl gehört. zwei biographische berichte von patty geben dem werk eine gewisse – so merkwürdig sich das auch anhört – weiterführende redundanz. man hat zwar noch immer nicht krieg&frieden gelesen (das soll nach märz die literarische parallele sein) aber doch ein bedeutendes werk!

(2. feber 2011)

Über Martin Mosebachs neuen Roman „Was davor geschah“ (Hanser Verlag 2010) sollte man wirklich erst urteilen, wenn man ihn gelesen hat und dann schon wieder damit beginnt, weil er sich erst vom Ende her erschließt und man seine ganze berührende, überaus kunstfertige und doch so einfache Konstruktion erst begreift. Ich möchte nicht verallgemeinern, mir erging es so. Es ist ein sehr stilles und ins erzählerische Detail gehendes Buch mit unglaublich liebevollen und ironischen Miniaturen – ich muss die überbordenden Lobeshymnen der Großkritiker nicht wiederholen. Eine neue – alte – Art des Erzählens zelebriert der Büchnerpreisträger 2007, den ich aus einem ganz anderen Zusammenhang kennen lernte: seine „Häresie der Formlosigkeit“ ist ja für TheologInnen nicht so leicht genießbar, fordert er doch eine Rückkehr zur vorkonziliaren Liturgie … Aber „Was davor geschah“ ist großartig!

(27. jänner 2011)

Ich habe soeben „Das Tagebuch“ von José Saramago gelesen (Hoffmann und Campe 2010), dessen letzte Sätze schon in „Die Reise des Elefanten“ als Motto zitiert waren „Dies ist mein Testament. Aber wir wollen nicht erschrecken, ich werde nicht sterben, die Präsidentin (gemeint ist seine Frau Pilar, als Vorsitzende seiner Stiftung) wird es nicht zulassen.“ Ich weiß nicht, wie Saramago gestorben ist, seinem Tagebuch zufolge dürfte er in stoischer Ruhe, nichts befürchtend (vgl. 102f), verschieden sein, denn der Glaube an Gott oder an ein Jenseits war ihm fremd. Dieses Tagebuch – eigentlich ein Internet-Blog über die Zeit vom 15. September 2008 bis zum 15. März 2009 bringt, neben zeit- und auf Portugal bezogenen Tagesreflexionen, einige Höhepunkte seines Denkens ganz unmittelbar zur Sprache. Der wichtigste Satz für mich ist darin: „Gott ist das Schweigen des Universums und der Mensch der Schrei, der diesem Schweigen Sinn verleiht“ (131). Seine unbedingte Solidarität mit den Palästinensern lässt ihn über Israel schroff urteilen, der Eintrag vom 8. Jänner 2009 „Von Davids Steinen zu Goliaths Panzern“ ist ein starkes Stück, in der doppelten Bedeutung des Wortes. Seine Beiträge zur Gottesfrage sind holzschnitzartige Miniaturen, in diesem Zusammenhang ist natürlich auch das Vorwort von Umberto Eco zu erwähnen. Die in diesem Buch verstreuten Perlen machen es sehr lesenswert!

(11. jänner 2011)

Zur Jahreswende darf man sich einem Märchen hingeben, trotz des Dickhäuters, um den es geht in José Saramagos „Die Reise des Elefanten“ (2010 Hoffmann und Campe). Saramago der in der Widmung schreibt: „Für Pilar, die nicht zugelassen hat, dass ich sterbe“, er ist leider 2010 doch verstorben, dadurch ist die Leichtigkeit dieses posthum erschienenen Romans besonders ergreifend. Ein Elefant wird im 16. Jahrhundert vom portugiesischen König dem späteren Kaiser Maximilian II geschenkt und so geht die Reise des Elefanten Soliman/Salomon mit seinem klugen Elefantenführer (=Mahmut) Subhro/Fritz mit dem Erzherzog nach Wien. Da ist nichts Dramatisches an dieser Reise, es ist ein gemächliches Erzählen aus der Sicht eines allwissenden Autors, mich erinnert der Tonfall stark an den leise-ironischen Stil des Thomas Mann – was meiner Meinung ein Lob ist, wenn es auch der Nobelpreisträger nicht braucht. Höchst vergnüglich werden Geschichten aneinander gereiht, wird anachronistisch in die Gegenwart abgeschweift, dass Saramago diese Reise nicht selbst gemacht hat, wird allerdings spätestens in Südtirol klar, die Idee zum Buch entstand in Salzburg, eine Portugiesich-Lektorin hat ihm den Floh (Elefant?) ins Ohr gesetzt, sie hat ihn auch mit den nötigen Recherchen unterstützt. Aber was erzähle ich, bitte lesen!

(23. november 2010)

mein leben in aspik von steven uhly ist nur leserInnen zu empfehlen, die ihre moralkeule gut verwahrt haben, denn in diesem roman ist nichts normal und schon gar nicht anständig. was der 46jährige bengalisch-deutsche uhly bietet, ist ein schelmenroman, der von vorne bis hinten mit allen gängigen tabus bricht, inzest ist ein durchgängiges prinzip. wer jetzt wirklich mit wem verwandt ist oder vielleicht doch nicht, wäre nur durch eine ‚familienaufstellung‘ eruierbar. dies ist keine leseempfehlung – es sei denn, es will sich jemand auf einen köstlichen roman einlassen und mit dem autor konform geht, „dass wir alle unsere Vorfahren sind. Oft hatte ich mich in der letzten Zeit gefragt, ob ich die Dinge, die ich tat, nur deshalb tat, weil ich so viele war…“ (159)(Secession Verlag für Literatur, Zürich 2010)

(6. september 2010)

wer axolotl roadkill von helene hegemann liest, muss wohl auch i am airen man (blumenbar verlag 2010) von airen lesen – und der vergleich macht nicht sicher, zu ähnlich sind sich die beiden und es gibt so etwas wie einen synergieeffekt: hegemann hat airen bekannt gemacht und ist wegen einiger abgeschriebener sätze durchs feuilleton geprügelt und dadurch extrem stark beachtet worden und airen hat die chance bekommen, ein weiteres buch nach „strobo“ zu veröffentlichen. airen ist zwar der angepasstere, der in lily eine partnerin findet, die ein kind von ihm erwartet und mit ihm von mexiko nach in seine heimatstadt berlin zieht, das lebensgrundmuster aber hat wohl er vorgegeben. er übt zwar seinen beruf, unternehmensberater irgendwie aus und bei ihm wirken sich drogen, alkohol und sex nicht so zerstörerisch aus wie bei der jungen hegemann. lassen wir also airen, den sinnsucher zu wort kommen: „Wenn all das, was wir auf Partys erlebt haben, nichts als jugendlicher Leichtsinn war, wenn das alles nur Scheiße wäre, was wir da gebaut haben, wenn all die Küsse und Umarmungen nicht zählten, dieses verschwitzte Lächeln nicht echt wäre, wenn das alles nur eine Dummheit war, ein paar Sünden am  Wegesrand, dann sage ich Ja zur Dummheit, Ja zum Leichtsinn, denn nur diese Küsse zählten, nur dieses Lächeln war echt, nur dann und dort habe ich gelebt.“ (145)

(17. juli 2010)

Connie Palmen: I.M. Ischa Meijer. In Margine. In Memoriam. (1998, Diogenes TB 2001) Dass zwei Menschen sich treffen, sich unsterblich verlieben und beschließen, nie mehr auseinander zu gehen, das klingt nach Kitsch und man verdrückt ein Gähnen, eh schon  wissen. Was dieses Buch aber weit über diese Sphäre hinaushebt, ist ein minutiöser Bericht über eine symbiotische Verschmelzung ineinander, die pathologischer nicht sein könnte. Diese Liebe dauert vier Jahre und nach dem Tod Ischa Meijers beschreibt Connie Palmen, von der Grundmelodie des Abschiedsschmerzes getragen, diese ungewöhnliche Beziehung. Würde Ischa auch so ein Buch schreiben, der ja trotz dieser Beziehung nie von anderen Frauen gelassen hat? Es ist zu bezweifeln. So haben wir die Beschreibung aus der Sicht einer Frau, die sich mit Haut und Haar einem Partner hingibt, der  in der Kindheit mit den Eltern im KZ war und der Liebe des Vaters nachrennt, ein an seinem Leben Zerbrechender, der an Herzversagen stirbt. Intensiv bis zum Verzweifeln, diese Beziehung und in diese Verzweiflung wird man hineingezogen.Connie Palmen war mir durch ihr Buch „Die Gesetze“ (1993) bekannt – und bei einer Präsentation dieses Buches treffen sich auch Ischa und Connie. Ich muss „Die Gesetze“ im Lichte dieses Buches noch einmal lesen.

(7. juli 2010)

Sehr spät erst bin auf den Roman von Edgar Hilsenrath „Der Nazi und der Friseur“ gestoßen, ist er doch schon 1971 erschienen, auf Deutsch allerdings erst 1977 – es fand sich bis dahin kein Verleger für einen Bestseller, der bereits millionenfach verkauft worden war! Mein Gott, was für ein Buch! „Ich bin Max Schulz, unehelicher, wenn auch rein arischer Sohn der Minna Schulz … zur Zeit meiner Geburt Dienstmädchen im Hause des jüdischen Pelthändlers Abramowitz“  so beginnt das Buch. Dieser Max Schult freundet sich mit dem jüdischen Jungen Itzig Finkelstein an, bei dessen Vater er später den Friseurberuf erlernt. Er wird im Verlaufe der Shoa seinen Freund und dessen Familie eigenhändig erschießen, gleich nach dem Krieg dessen Identität annehmen, auf dem Schwarzmarkt in Berlin viel Geld machen und auch wieder verlieren, mit der „Exitus“ 1947 die gefahrvolle Überfahrt nach Palästina wagen, wird dort Friseur und schließt sich der Untergrundbewegung gegen die Engländer an und lebt als geachteter Bürger im neuen Staat Israel. Diese nüchterne Kürzestfassung gibt aber keinerlei Einblick in diese Groteske, die uns von Hilsenrath in lakonisch kurzen, trockenen Sätzen erzählt wird. Aus der Täterperspektive geschrieben – ich muss Freytags „Soll und Haben“ (1855) lesen, darauf soll sich der Roman beziehen. Am Schluss bin ich auf Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ gekommen, es geht um die Frage der Sühne für die Verbrechen, die Max Schulz begangen hat, er stirbt ohne zur Verantwortung gezogen worden zu sein. „…Ja. Das ist so. Zuallerletzt, da stirbt ein Kerl wie du …  mit „ihrer“ Angst. Wessen Angst? Mit der Angst deiner Opfer, bevor sie starben. Soll das eine gerechte Strafe sein? Nein“. (465, dtv Taschenbuch 13441) Darf man so über die Shoa schreiben, fragten sich die deutschen Verleger, die das Buch ablehnten. Man darf, wenn man wie Hilsenrath selbst die Schrecken eines KZ erlebt hat. Unbedingt lesen!

(5. Juni 2010)

 Alles über Sally von Arno Geiger gelesen. Ein Einbruch in die Wohnung steht als Metapher für die große Verunsicherung, durch die das Leben von Sally und Alfred aus den Fugen zu geraten scheint. Sally hat ein Verhältnis mit Alfreds Freund Erik begonnen. Hier Sallys ungestillter (unstillbarer?) Lebenshunger, dort der selbst museal vergreisende Museumsbeamte, der sein Leben minutiös aufzeichnet, der seine „eigene Version der Geschichte mitbringen“ (351) will, wenn es an die große Abrechnung gehen wird. „Alles über Sally“ im besten Sinne des Wortes, im erzählerischen Perspektivenwechsel werden die Sichtweisen der Handelnden beleuchtet, erstaunlich die Meisterschaft des Autors, aus der Sicht der Frau zu schreiben. Kann die Liebe die Jahre überdauern, diese Frage wird hier – ganz gegen den herrschenden Zeitgeist – bejaht, nicht kitschig, eher so nebenbei. Ein tröstliches Buch. Bitte lesen!!

(6. mai 2010)

Raubtiere nennt Christine Teichmann ihren ersten Roman, er ist im Braumüller Literaturverlag 2009 in Wien erschienen. Christine Teichmann (Jg. 1964) lebt seit 1998 in Graz und gehört dem Europa-Literaturkreis Kapfenberg an. Ein stiller Roman aus dem Artistenmilieu. Die Lehrerin Teresa versucht, aus dem väterlichen Freund, dem Tierlehrer, dem abgehalfterten Zirkusmenschen Jiří, jene Familiengeheimnisse herauszulocken, die wie eine dunkle Wolke ihre Erinnerungen verdunkeln. Der Tod des Vaters in der Manege – er wird von einem Tiger getötet – hängt irgendwie mit erotischen Verwicklungen Jiřís mit ihrer Mutter zusammen, auch die schwere Demenz der Mutter, so folgert Teresa, könnte eine Spätfolge dieses unaufgearbeiteten Traumas sein. Auf dem Bauernhof ihrer Freundin Hannah wartet der durchreisende Jiří bis das einzige Tier das ihm verblieben ist, die Tigerin Sheba ihre Jungen gebiert. Hier werden die verschiedenen Handlungsstränge geschickt fokussiert, es sind berührende Miniaturen um die Schüler Teresas Kevin und Klaus, die Begegnung mit Jan, dem Sohn Jiřís, um Hannahs verquere Beziehung zum Tierarzt Bernhard. Vor dem Hintergrund der Verfolgung der Roma durch die Nationalsozialisten, der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach dem Weltkrieg werden die Lebensgeschichten verdeutlicht, im Erzählen des Sterbens der Mutter erreicht die Geschichte einen subtil komponierten Höhepunkt. Christine Teichmann legt uns einen heiteren, tiefgründigen und klugen Roman vor, man darf auf weitere Werke gespannt sein!

(23. märz 2010)

Michael Niavarani hat mit Vater Morgana. Eine persische Familiengeschichte (Amalthea 2009) ein großartiges Debut als Schriftsteller gegeben. Er erzählt eine ( in modifizierter Weise wohl seine) höchst verwickelte Geschichte über eine in alle Welt zerstreute persische Familie, die in einem absurden Vorhaben mündet, der Großmutter den Tod ihres Sohnes zu verheimlichen. Niavarani gelingt es, seine kabarettistische Begabung auch als Erzähler beizubehalten. Wenn Sie in der Bahn jemanden schallend lachen hören, liest er sicher gerade Vater Morgana und erfährt dabei viel von austro -, amerikanischer , schwedisch-,  britisch- und deutschpersischer Lebensart. Zum Lesen und Schenken!

(25. Feber 2010)

Martin Walsers  „Mein Jenseits“ habe ich inzwischen gelesen und kann es doch nicht als so eine Sensation bezeichnen, wie ich nach den ersten Seiten glaubte, es tun zu müssen. Auf diesen ersten Seiten nämlich beschreibt er seinen Besuch bei der Pilgermadonna von Caravaggio in San Agostino in Rom – und das ist berührend. „Die Caravaggio-Madonna hat es gegeben. Sie ist mein Jenseits. An sie zu glauben ist einfach. Durch sie wird die Welt schöner als sie ist.“ (73). Im Stil an „Ein liebender Mann“ (2008) anknüpfend, dessen Fazit ist „Du sollst nicht lieben“ ( 284 – als alter Mann eine überaus junge Frau), kreist dieses neue Buch um seine Erkenntnis, „das der Glauben die Welt schöner macht als das Wissen“ (81). Die Handlung ist einigermaßen skurril, ein erfolgloser Liebender wie weiland der walser’sche Goethe, aber Handlung erzählen will ich nicht. In diesem Buch kommt Walser zum Schluss, dass der Glaube zu den letzten Dingen gehört, wie die Liebe zu den vorletzten, ich bin neugierig, was dem folgt.

(23. Feber 2010)

Gerade lese ich „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann, geboren 1992, in Berlin lebend, ihr erster Roman. (Ullstein 2010, 2. Aufl.). Größer könnte der Gegensatz zum oben beschriebenen Roman von Thome nicht sein. Die Kritik ist sehr geteilter Meinung, sie reicht von „Radikal, klug, aufwühlend – Der schonungslose Blick eines Teenagers auf unsere neurotische Wirklichkeit“ (literatopia.de) bis zu „“Axolotl Roadkill“ ist Schrott. Einfach Schrott. Purer Schrott. Das Buch überrascht vielleicht die lüsternen Feuilletonisten in mancher Printbutze, aber mehr auch nicht. „Axolotl Roadkill“ ist ein Nullbuch. So schwarz wie sein Umschlag. Hegemann kotzt ihre Worte an die Wand, schmiert medienwirksam damit herum und wirft dem Publikum, nein, den alten Kritikern, einen kecken Blick über die Schulter zu. Jeder Satz Hegemanns ist produziert und abgeschrieben – rein für den Event-Journalismus und seine Hyperventilation.“ (br-online). Was heißt das für mich? Das Buch selbst lesen. Ich werde dann mein Urteil abgeben. (6.2.2010)

(22. Feber 2010)

Gelesen habe ich das Buch, bin mir aber nicht klar, was ich davon halten soll. Da ist einmal der Vorwurf des nicht zitierenden Abschreibens, das soll sich in der 4. Auflage ja geändert haben, da seien die inkriminierten Stellen angegeben, hörte ich im ORF. Ich kann nicht beurteilen, wieweit die Welt dieser Mifti adäquat beschrieben ist, ob sie in derart tristen Verhältnisse lebte. Wenn aber das Ganze aus dem großen Ozean des Unbewussten, des Fiktiven der Helene Hegemann geschöpft ist, muss ich zugestehen, dass da ein Talent schlummert, dessen Entwicklung ich interessiert verfolgen werde.

(16.2.2010)

Irgendwie zufällig, durch eine Rezension, ich weiß nicht wo, bin ich vor einiger Zeit auf Stephan Thomes Roman „Grenzgang“ (Suhrkamp 2009) gestoßen und nach den 450 Seiten muss ich mit allen Rezensierenden übereinstimmen: das ist ein ganz großes Buch! Der Grenzgang ist ein Volksfest in Biedenkopf mit uralter Tradition, er findet alle sieben Jahre statt und bildet in diesem Erstling von Thome den Schrittmacher der Handlung, die sich von 1985 bis 2013 spannt. Es treffen sich Kerstin Werner und Thomas Weidmann in Vor- und Rückblenden und werden zu einem Paar. Aber wie das geschieht, das ist das Faszinierende. „So sind sie in den vergangenen Wochen durch eine Art Moratorium ihrer gegenseitigen Annäherung gelaufen. Ein jeder sah auf seine Schuhspitzen und sagte bei jedem Reh, das ihren Weg kreuzte: Ein Reh. Spaziergänge die Deutsch für Anfänger.“ (448) Auf den Geschmack gekommen? Rezensionen gibt es genug im Internet.