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Hans Peter Duerr: DIESSEITS VON EDEN. Über den Ursprung der Religion. Insel Verlag, Berlin 2020, 750 Seiten. ISBN 978 34581794 46.
Der Autor ist em. Prof. für Ethnologie und Kulturgeschichte der Univ. Bremen. Er gibt in diesem großen Werk einen Überblick über 50 Jahre Forschertätigkeit in der Religionsgeschichte. Darin beleuchtet er die großen Themen der Religion, die verschiedenen Riten und die Mythen der verschiedenen Kulturen der Erde. Er ordnet sie nach Lebenswelten und Kulturstufen und zeigt ihre inneren Entwicklungen. Er beginnt mit den Formen der religiösen Erfahrung bei frühen Völkern, mit der Vorstellung des Numinosen, mit den Deutungen von Geheimnissen und von Geistwesen, mit der Erfahrung von unsichtbaren Kräften, mit den Vorstellungen von mana und tapu. Die unsichtbare Kraft wird in den Köpfen und in den Sexualorganen der Menschen angenommen, daher werden Kopfjagden und Sexualriten beschrieben. Weit verbreitet sind die ekstatischen Erfahrungen der Schamanen und der Heiler, die Visionen und die Auditionen der heiligen Personen, die Vereinigungsriten mit den guten Kräften und die Abwehrriten der bösen Kräfte und Dämonen, die Vorstellungen von göttlichen Wesen und Göttern. Beschrieben werden die Traumerfahrungen und Traumdeutungen, die Riten zur Vermehrung der Fruchtbarkeit oder zur Heilung von Krankheiten; die Gebete und Gesänge um Regen, die Riten der Krieger vor dem Kampf, die Verabschiedung der Toten und die Todesriten.  Eine wichtige Rolle spielen in den alten Kulturen böse Dämonen und Geistwesen, welche die Menschen bedrohen und schädigen wollen. In den Blick kommen auch die guten Geistwesen und Engel, welche die Menschen beschützen. Die Götter spiegeln immer die Selbstbilder der Menschen auf verschiedenen Kulturstufen.
Der Autor beschreibt die Weiterentwicklung dieser Vorstellungen in den großen Religionen der Erde, im Judentum, im Christentum, im Islam, im Hindu-Glauben.  Er befasst sich mit der Verehrung der Heiligen und der Gottesmutter Maria, aber auch des Erlösers Jesus Christus im Christentum des Mittelalters. Breit dargestellt wird auch der Glaube an die bösen Dämonen und die verschiedenen Vorstellungen des Teufels und der Hölle. In den Blick kommen die Austreibung von bösen Dämonen und die Verfolgung und Tötung von Hexen. Dann befasst sich der Autor mit modernen Bewegungen des evangelikalen Christentums, mit charismatischen Geistheilungen, mit den ekstatischen Erfahrungen der Pfingstbewegungen. In den Blick kommen auch die archaischen Lehren von esoterischen Bewegungen, die heute große Anhängerschaft haben… Der Autor nimmt immer Bezug auf die Erkenntnisse der modernen Gehirnforschung, die zeigen kann, wie ekstatische Phänomene, Visionen und Auditionen biologisch zustande kommen. Das Buch ist ein umfassendes Werk der modernen Religionsgeschichte, die alten Fragen von Friedrich Heiler (Erscheinung und Wesen der Religion) werden mit neuen Erkenntnissen erweitert und ergänzt. Eine Fundgrube für alle, die sich für religiöse Phänomene der Welt interessieren.

Peter Sloterdijk: DEN HIMMEL ZUM SPRECHEN BRINGEN. Über Theopoesie. Verlag Suhrkamp. Berlin 2020, 346 Seiten. ISBN 978 3519 4293 34.
Der bekannte Kulturphilosoph legt hier ein großes Werk vor über die Verbindungen zwischen Religion, Kultur, Kunst und Drama. Es handelt sich um gesammelte Aufsätze und Vorträge zu diesem breiten Thema. Der Autor geht zunächst von den Gottesmythen des Alten Orients aus, er verfolgt diese dann in der Kultur der Griechen und der Römer, kurz blickt er auf die Religion der Inder, der Chinesen und der Japaner. Breiter in den Blick kommen die Gotteslehren im Judentum, im Christentum und im Islam. Er erkennt dass sich in diesen Mythen und Lehren immer menschliche Kulturstufen und Lebenswelten spiegeln, die göttliche Dramatik gibt immer menschliche Lebensdramen wieder. Moderne Mythendichter  und Dichtungen wie Harry Potter, Herr der Ringe oder Krieg der Sterne übersetzen die alten Themen in neue Phantasiewelten. Der Autor ist fasziniert von der Imaginationskraft der menschlichen Kulturen, die ihnen Überlebensvorteile gebracht hat. Mit William James (1902) bedenkt er auch die sozialen Folgen der Gottespoesie, aber er folgt dabei kaum dem Pragmatischen Kriterium für religiöse Lehren und Riten. Vielmehr lässt er sich von seinem Lieblingsdenker F. Nietzsche leiten, der das christliche Gottesbild zerstört hat. Aber er erwähnt nicht, dass dieser Altphilologe aus Sachsen neue Götter erschuf und sich vor seiner geistigen Umnachtung selbst als Gott sah.  Da der Autor weder einem philosophischen, noch einem psychologischen Kriterium für Theopoesie folgt, bleibt in seinen Darstellungen viel an postmoderner Beliebigkeit.  Doch die modernen Mythenbildner zeigen uns jeden Tag in den neuen Medien, welche Negativfolgen und soziale Unverträglichkeiten  neue Groß- und Kleinmythen erzeugen. 
Das Buch beschreibt, wie aus dem Deus ex machina ein Deus ex cathedra wurde, wie Götter auf dem griechischen und römischen Theater auftraten, wie sie die Krieger in den Kampf führten und wie sie den gefallenen Kriegern ein neues Leben auf den himmlischen Feldern versprachen. Die Götter kontrollierten das Leben der Menschen und lenkten ihr Schicksal, doch durch die aufkommende Philosophie verloren sie ihre alte Plausibilität. Sie bekamen philosophische Eigenschaften wie ewige Ideen, notwendiges Sein, erste Ursache der Welt, reines Denken, letztes Ziel des Kosmos, ewiger Weltgeist, Gesamtheit des Universums, Gesamtheit der Natur (Deus sive natura). Mit diesen pantheistischen Vorstellungen können sogar moderne Naturwissenschaftler (Albert Einstein) leben. Doch für Gottesleugner sind der Kosmosprozess oder die biologische Evolution nur Ketten von Zufälligkeiten.  Für sie ist kein Weltgeist zu erkennen. Doch der Zufall hat auch nicht mehr Plausibilität als ein göttlicher Weltgeist. Das Buch ist leicht zu lesen, streckenweise handelt es sich um philosophische Plaudereien, der Neuheitswert der Sichtweise ist gering. Vor allem fehlt ihm der Bezug zur kritischen Philosophie der Religion, zur Ideologieforschung, zu den philosophischen und psychologischen Kriterien für Theopoesie jeder Art. Doch der Autor schöpft aus einer Fülle von Wissen über mythische Bilder und Lehren, auch über kunstnahe Denkrichtungen der Philosophie.