{"id":127,"date":"2015-02-22T17:46:14","date_gmt":"2015-02-22T16:46:14","guid":{"rendered":"http:\/\/mittlinger.at\/w\/?p=127"},"modified":"2022-04-30T12:42:02","modified_gmt":"2022-04-30T10:42:02","slug":"martin-gutl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/?p=127","title":{"rendered":"martin gutl"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/mittlinger.at\/w\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Gutl_Priesterjub_web2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-13\" src=\"http:\/\/mittlinger.at\/w\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Gutl_Priesterjub_web2-216x300.jpg\" alt=\"Gutl_Priesterjub_web2\" width=\"182\" height=\"253\" srcset=\"https:\/\/mittlinger.at\/w\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Gutl_Priesterjub_web2-216x300.jpg 216w, https:\/\/mittlinger.at\/w\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Gutl_Priesterjub_web2.jpg 323w\" sizes=\"auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px\" \/><\/a><\/p>\n<h5>Als Nachlassverwalter des 1994 verstorbenen Priesters, Dichters und Rektor des Bildungshauses Mariatrost ist es mir ein Anliegen, seine Gedichte und Gebete im Bewusstsein zu halten.\u00a0Ich verweise auf den von mir herausgegebenen Auswahlband seiner sch\u00f6nsten Texte <span style=\"color: #800000;\"><strong>\u201eIn vielen Herzen verankert\u201c<\/strong> <\/span>(Styria 2014, 3. Auflage).<\/h5>\n<h5>Vor der Ver\u00f6ffentlichung von Texten Martin Gutl ersuche ich um Kontaktaufnahme zur <span style=\"color: #800000;\">Genehmigung der Abdruckerlaubnis<\/span>:<\/h5>\n<h5><a href=\"mailto:karl.mittlinger@gmx.at\">karl.mittlinger@gmx.at<\/a><\/h5>\n<h5>Hier ein kurzes Lebensbild:<\/h5>\n<p><span style=\"color: #800000;\"><strong>Wenn Gott uns heimf\u00fchrt \u2026<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Dieser wohl bekannteste Psalm des vor 20 Jahren verstorbenen Priesterdichters Martin Gutl ist eine tr\u00f6stliche Botschaft, die an den Gr\u00e4bern von Verstorbenen landauf landab verk\u00fcndet wird. Sie dr\u00fcckt abseits aller unverst\u00e4ndlich gewordenen Theologie die Hoffnung auf ein paradiesisches Zusammenleben mit jenem Gott aus, der jenseits des schrecklichen Todesgrabens auf die Menschen wartet.\u00a0Die Texte dieses Priesters strahlen auch heute noch unvermindert; ein Zeichen sind die vielen Abdruckanfragen von Verlagen, die mich als Nachlassverwalter immer wieder erreichen, dadurch werden die Texte \u00fcber den ganzen Sprachraum gestreut und wenn eben jetzt die dritte Auflage des Auswahlbandes \u201eIn vielen Herzen verankert\u201c im Verlag Styria erscheint, so wird jenen, die Martin Gutl nicht mehr begegnet sind, erneut ein Zugang zu diesem ungew\u00f6hnlichen Menschen er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Der 1942 in M\u00fchldorf bei Feldbach (Stmk) geborene Sohn einer Kleinbauernfamilie geht den damals \u201eklassischen\u201c Weg eines Priesters: Knabenseminar und Priesterseminar in Graz, Priesterweihe 1966, Kaplan in M\u00fcrzzuschlag. Der als unruhiger Geist bekannte Kaplan wird vom damaligen Studentenseelsorger Dr. Egon Kapellari als Mitarbeiter gerufen, sp\u00e4ter wird er Kaplan in der Grazer Innenstadt. Er f\u00e4llt durch sein soziales Engagement auf, er ist Mitbegr\u00fcnder der Telefonseelsorge und agiert oft am Rande der Legalit\u00e4t, wenn es darum geht, Menschen in Notsituationen zu helfen. Aber das rastlose, st\u00e4ndige Helfen-Wollen laugt ihn aus. Er sp\u00fcrt, dass er sich ver\u00e4ndern muss, er tritt in das Zisterzienserkloster Rein bei Graz ein.\u00a0Aber Frater Emmanuel findet nicht, was er gesucht hat. Er l\u00e4sst sich als Pfarrer in das obersteirische St. Peter ob Judenburg versetzen und auch das ist es nicht.<\/p>\n<p>Erst die Stelle des Rektors des di\u00f6zesanen Bildungshauses Mariatrost gibt ihm, was er suchte: frei von Verwaltungsagenden kann er Vortr\u00e4ge, Kurse und Gespr\u00e4chsrunden leiten. In spirituellen Impulsen kann er weitergeben, was er erfahren, meditiert und erbetet hat. Schon in der Zeit als Studentenseelsorger beginnt er zu schreiben. Im Laufe seines Lebens erscheinen ein Dutzend B\u00fccher. Der neue, ganz ungewohnte Ton, die unmittelbar zug\u00e4ngliche Sprache und vor allem sein Gottesbild sind es, die Zuh\u00f6rende und Lesende faszinieren. Da spricht und schreibt einer von einem lebensbejahenden Gott, der nicht straft und kein kleinlicher Buchhalter ist. Wie Gott ist, erfahren die Menschen durch ihn, alle Ungl\u00fccklichen, Verlassenen, Entt\u00e4uschten, die Suicidgef\u00e4hrdeten und an den Rand Gedr\u00e4ngten, aber auch jene, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Alle, wirklich alle haben in Gott einen Helfer in der Not, das ist seine Botschaft, die er mit dem Einsatz seines Lebens den Menschen n\u00e4her bringen will. Weit \u00fcber 100.000 B\u00fccher werden verkauft und zeitweise wird er als Star herumgereicht. Er kommt an, weil er bei den Menschen angekommen ist. Aber als Priester, nicht als Psychotherapeut. Ohne therapeutische Distanz. Er ist ein Ergriffener, ein angreifbarer, ber\u00fchrbarer Mensch, das will er sein, Tag und Nacht verf\u00fcgbar. Und die Menschen kommen zuhauf und saugen ihn aus, bis er nicht mehr kann, bis sein K\u00f6rper reagiert.<\/p>\n<p>Diagnose Hypophysentumor. Er feiert sein 25j\u00e4hriges Priesterjubil\u00e4um schon als Gezeichneter. Es bleiben ihm drei Jahre, 1994 wird er nach erfolgloser Operation und vergeblichen therapeutischen Ma\u00dfnahmen friedlich sterben. Mit ihm stirbt einer jener Priester mit deutlichem Profil; sein Jahrgangskollege, der Priester, Maler, Schriftsteller und Gr\u00fcnder des Kulturzentrums bei den Minoriten, Josef Fink, ist der andere, er wird f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter sterben. Beide sind unverwechselbare Pers\u00f6nlichkeiten in der steirischen Kirche, bis heute klafft eine L\u00fccke.\u00a0Was bleibt, sind Martin Gutls Texte.<\/p>\n<p>Im jetzt neu aufgelegten Sammelband habe ich jene Texte versammelt, die mir als seine besten erscheinen. In neun Kapiteln, die vom Verlag mit stimmigen Bildern bereichert wurden, wird ein Bogen von st\u00e4rker autobiographischen Texten \u00fcber seine zerm\u00fcrbenden Begegnungen mit menschlichem Leid hin zu tiefen mystischen Erfahrungen gespannt. Es sind fast immer Dialoge mit Gott. Niemals entsteht der Eindruck von Selbstgespr\u00e4chen oder stummen Monologen, zu lebendig, zu selbstverst\u00e4ndlich ist ihm das Du, auch wenn ihm die Fragen bleiben und er auf dem Aschenhaufen sitzt wie Hiob. Aber Hiob beginnt zu tanzen,<\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">&#8230;bis seine kleine Form in St\u00fccke brach,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">bis er als Ton, endg\u00fcltig frei,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">in unendliche R\u00e4ume<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">fortschwingen konnte.<\/span><\/p>\n<p>(159).<\/p>\n<p>Es sind seine Bilder, die unmittelbar ber\u00fchren, sie kommen aus seinem kindlichen Gottvertrauen, sie sind nicht gel\u00e4utert durch hohe Theologie, dadurch aber auch nicht verkopft und spr\u00f6de.<\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">Ich m\u00f6chte mit Dir, lieber Gott,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">zwischen zwei W\u00e4ldern<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">auf schmalem Weg gehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">Morgennebel, taunasses Gras,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">und hinter den B\u00e4umen<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">beginnt die Sonne zu leuchten<\/span><\/p>\n<p>(83).<\/p>\n<p>Und als er sich aufschwingt zu einem Jesusbekenntnis, entspringt eine geradezu klassische Miniatur seiner Feder:<\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\"><strong>Jesus<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">Einer kam<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">und zeigte,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">wie ein Blitzlicht,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">einen Bruchteil<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">der Geschichte,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">was ein Mensch<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">sein k\u00f6nnte<\/span><\/p>\n<p>(135).<\/p>\n<p>So geht es Seite um Seite. Schmerzliches Mitleiden, wie es das Wort griechische Sympathie nahelegt, wechselt mit reflektierten Erfahrungen aus solchen Begegnungen. Erlebnisse in der Natur<\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">Aus der Sehnsucht der Raupe,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">als Schmetterling<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">ihre Fl\u00fcgel ausbreiten zu d\u00fcrfen,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\"> \u2026<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">aus Sehnsucht,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">nur aus Sehnsucht<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">ist das Weltall aufgebaut<\/span><\/p>\n<p>(178)<\/p>\n<p>und tiefes Eindringen in die Botschaft der Bibel lassen in diesem \u201eextrovertierten Mystiker\u201c, so m\u00f6chte ich ihn nennen, einen Menschen erkennen, der sagen konnte:<\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">Beten hei\u00dft:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">sich von den Engeln<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">die Fl\u00fcgel ausborgen<\/span><\/p>\n<p>(127)<\/p>\n<p>Das Gebet ist ihm geblieben, auch in der Krankheit zum Tode. Als Gott ihn heimbrachte aus den Tagen der Wanderschaft, wusste er:<\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">\u2026 das wird ein Fest sein!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\">Ein Fest ohne Ende!<\/span><\/p>\n<p>(195)<\/p>\n<p>Karl Mittlinger<\/p>\n<p><em>Rektor Martin Gutl hat zusammen mit mir\u00a010 Jahre das Bildungshaus Mariatrost geleitet.<\/em><\/p>\n<p>(Dieser Beitrag erschien in DIE FURCHE\u00a013\/27. M\u00e4rz 2014, S. 14)<\/p>\n<p>Beitrag zum 80. Geburtstag am 28. April 2022<\/p>\n<p><strong>Martin Gutl:<br \/>\nFrage die Zugv\u00f6gel nach ihrer Heimat <\/strong><\/p>\n<p>DIE FURCHE \u25cf 17, Seite 9; 28.April 2022<\/p>\n<p><em>\u201eIch will verstehen k\u00f6nnen,<br \/>\nwas nicht zu verstehen ist.<br \/>\nIm Schweigen finde ich<br \/>\neher den Sinn der Geschichte<br \/>\nals im Reden.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Martin Gutl<\/em><\/p>\n<p>Am 28. April w\u00e4re Martin Gutl 80\u00a0 \u00adJahre alt geworden. Erinnerung an \u00adeinen \u00adPriester und Dichter, der sich in \u00adgedichteter Sprache Gott zu n\u00e4hern suchte und auf diese Weise auch mit ihm haderte.<\/p>\n<p><strong><u><a href=\"https:\/\/www.furche.at\/autor\/karl-mittlinger-1162252\">Von Karl Mittlinger <\/a><\/u><\/strong><\/p>\n<p>Vor 80 Jahren, am 28.April 1942, wird in M\u00fchldorf bei Feldbach (Steiermark) der sp\u00e4tere Priester und Dichter Martin Gutl in kleinb\u00e4uerliche Verh\u00e4ltnisse hineingeboren, er besucht das Bisch\u00f6fliche Knabenseminar in Graz, nach der Matura studiert er Theologie und wird 1966 zum Priester geweiht. Sein erster Gedichtband erscheint 1973, es werden ein Dutzend weitere folgen, die Verkaufszahlen \u00fcberschreiten weit die 100.000er-Marke.<\/p>\n<p>Martin Gutl wirkt als Kaplan im obersteirischen M\u00fcrzzuschlag und in der Grazer Stadtpfarre, als Studentenseelsorger in Graz. Er zieht sich, dem Impuls folgend, ein M\u00f6nch zu werden, in das Zisterzienserkloster Rein-Hohenfurt zur\u00fcck, nach kurzer Zeit geht er wieder in die Seelsorge und wird Pfarrer in St. Peter ob Judenburg, sein Weg f\u00fchrt ihn schlie\u00dflich in das Bildungshaus Mariatrost, wo er die letzten zehn Jahre seines Lebens als geistlicher Rektor seinen Platz als theologischer Referent und spiritueller Begleiter findet, er stirbt am 20. August 1994 und ist auf dem Friedhof Mariatrost in Graz begraben.<\/p>\n<p>Diese n\u00fcchterne Aufz\u00e4hlung gibt in keiner Weise wieder, was er f\u00fcr die vielen Menschen bedeutete, die seinen Predigten und Vortr\u00e4gen lauschten, gibt nicht wieder, in welche Abgr\u00fcnde er blickte und wie vielen Menschen er Halt und St\u00fctze war. <a href=\"http:\/\/www.furche.at\/religion\/de-profundis-6937500\">Seine Texte<\/a> legen auch ein Vierteljahrhundert oder eine Generation sp\u00e4ter Zeugnis von diesem Menschen ab, den sein pastoraler Impetus an die \u00e4u\u00dfersten Grenzen des Menschseins trieb, er ist Gast in den Quartieren der Au\u00dfenseiter, wird zu Menschen \u201eauf der Br\u00fccke\u201c gerufen und ist vielen der einzige Bezugspunkt zur Kirche.<\/p>\n<p>(An dieser Stelle sei an meinen ausf\u00fchrlicheren Lebenslauf im Nachwort des Buches <a href=\"http:\/\/www.furche.at\/religion\/martin-gutl-wenn-gott-uns-heimfuehrt-1318461\">\u201eIn vielen Herzen verankert. Seine sch\u00f6nsten Texte\u201c<\/a> (Verlag Styria 1996 und weitere drei Auflagen) verwiesen, die Seitenzahlen bei den hier zitierten Texten beziehen sich auf diese Ausgabe.)<\/p>\n<p><strong>Gebete wie Gedichte<\/strong><\/p>\n<p>Der Priester Martin Gutl lebt trotz vieler Zweifel in seiner religi\u00f6sen, katholischen Umwelt. Als junger Kaplan geh\u00f6rt er zu jenen Priestern, die sich den Menschen ohne Scheu n\u00e4hern und in der Zeit nach dem II. Vatikanischen Konzil (1963\u20131965) weit die Fenster in die Welt \u00f6ffnen; die Texte des Dichters Martin Gutl sind Meditationen, innere Monologe, die er aus den Begegnungen heraus mit seinem Gott f\u00fchrt.<br \/>\nWo immer man in seinen Texten bl\u00e4ttert, man st\u00f6\u00dft auf die Gottesfrage. Der fragende Mensch \u2013 und er war ein Musterbeispiel daf\u00fcr \u2013 steht vor einer Wand, besser vor einem Abgrund und kann nicht weiter. Er hat nur die M\u00f6glichkeit, \u00fcber die Mauer zu springen (wie in Psalm 18, den jeder Kleriker oftmals betet), oder sich in den Abgrund fallen zu lassen \u2013 in die Hand Gottes:<\/p>\n<p><em>Die Warum-Fragen engen mich ein<br \/>\nund verwirren mich.<br \/>\nO Gott, ich merke:<br \/>\nMeine Warum-Fragen f\u00fchren ins Nichts.<br \/>\nIch bete zu Dir! Erbarme dich meiner!<br \/>\nHilf mir, von den Fragen loszukommen<br \/>\nund mich in Deine H\u00e4nde fallen zu lassen.<br \/>\nIch wei\u00df, o Gott,<br \/>\nder Stolz h\u00e4lt mich ab,<br \/>\nmich fallen zu lassen.<br \/>\nIch will erkl\u00e4ren, verstehen,<br \/>\nwill Fragen stellen,<br \/>\nwo es keine<br \/>\nAntwort gibt.<br \/>\nIch will verstehen k\u00f6nnen,<br \/>\nwas nicht zu verstehen ist.<br \/>\nIm Schweigen finde ich<br \/>\neher den Sinn der Geschichte<br \/>\nals im Reden.<\/em> (63)<\/p>\n<p>Gott stellt er niemals infrage. Aber sein aufgekl\u00e4rter Verstand hat ein Problem mit ihm. Wieso alles Ungl\u00fcck, warum ist die Welt nicht ver\u00e4ndert trotz der Auferstehung, warum, warum.<\/p>\n<p><strong>Mit Gott ins Gespr\u00e4ch treten<\/strong><\/p>\n<p>Er steigt nicht aus dem religi\u00f6sen Kontext, der ihn von Kindesbeinen an umgibt. Er ringt mit seinem Gott sein Leben lang. Das umfassende religi\u00f6se System mit seinen Sinnerkl\u00e4rungen, die Frage, warum Gott das alles zul\u00e4sst, die uralte Theodizee-Frage, l\u00e4sst ihn nicht los, er kann und will sie nicht wegschieben, weil sein Leben dann sinnlos w\u00fcrde.<br \/>\nSeine Texte sind dazu ein Lesebuch.<\/p>\n<p>Ich will verstehen k\u00f6nnen,<br \/>\nwas nicht zu verstehen ist.<br \/>\nIm Schweigen finde ich<br \/>\neher den Sinn der Geschichte<br \/>\nals im Reden.<\/p>\n<p>Martin Gutl<\/p>\n<p>Sie sind aber vor allem Gebete. Beten hei\u00dft, mit Gott ins Gespr\u00e4ch treten, und er lebt im st\u00e4ndigen Dialog mit Gott, der f\u00fcr Nichtreligi\u00f6se als Selbstgespr\u00e4ch, als innerer Monolog erlebt wird. Aber genau da liegt der Schl\u00fcssel seines Glaubens: Selbstgespr\u00e4ch und Gebet zu Gott lassen sich nicht trennen, Gott ist es, der sich in ihm verbirgt (133).<\/p>\n<p>Er sitzt Unbekannten in der Eisenbahn gegen\u00fcber und betet f\u00fcr sie, er schleppt eine Trinkerin in ihr Kellerverlies und z\u00fcndet f\u00fcr sie eine Kerze an:<br \/>\n<em>Von Haus zu Haus wandern \/ mit den Augen eines Glaubenden.<\/em> \/\/ (41) Alles wird ihm zum Gebet. <em>Beten hei\u00dft: \/ sich von den Engeln \/ Fl\u00fcgel ausborgen. \/\/<\/em> (126)<\/p>\n<p>Martin Gutls B\u00fccher erleiden das Schicksal vieler \u201ereligi\u00f6ser\u201c Autorinnen und Autoren, die professionelle Kritik in den s\u00e4kularen Medien schiebt religi\u00f6se Texte weit von sich \u2013 in vielen F\u00e4llen gen\u00fcgen diese auch wirklich nicht den Kriterien, mit denen zeitgem\u00e4\u00dfe Lyrik gemessen wird. Er ist in diesem Sinn ein zu sp\u00e4t Geborener. Gerade in dieser Zeit, in der eine Flut spirituell-esoterischer Auslassungen den Buchmarkt \u00fcberschwemmt, sind seine bilder- und metaphernreichen Texte geradezu n\u00fcchtern, erinnern aber auch an das Ringen der christlichen Mystikerinnen und Mystiker des Abendlandes, die aus dem biblischen Fundus ihre Kraft sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Der Text \u201eDu str\u00f6mendes Du\u201c verdeutlicht in ganz besonderer Weise diese mystische Verflech\u00adtung seines Lebens mit der Frage nach Gott:<\/p>\n<p><em>Wie Tau auf den Gr\u00e4sern<br \/>\nliegst Du auf meinen Gedanken.<br \/>\nWie ein Morgen breitest Du Dich aus<br \/>\n\u00fcber meine Tiefen.<br \/>\nWie ein Abend h\u00fcllst Du uns ein<br \/>\nin Dein Schweigen,<br \/>\nDu bleibendes Antlitz<br \/>\nhinter unseren fl\u00fcchtigen Blicken,<br \/>\nDu str\u00f6mendes Du hinter meiner Maske.<br \/>\nDu Ozean in den Augen der Guten,<br \/>\nDu Friede in den H\u00e4nden der Liebenden,<br \/>\nDu reiches, flie\u00dfendes,<br \/>\nunaufhaltsames, unersch\u00f6pfliches Du!<br \/>\nDu helles, Du dunkles Du!<br \/>\nDu \u00fcberdachst mich mit dem Zelt Deines Alls.<br \/>\nDu birgst mich,<br \/>\nDu erziehst mich zur Weite,<br \/>\nindem Du mich aus dem Paradies vertreibst<br \/>\nDu hast mich aus dem Nest geworfen.<br \/>\nEinen unruhigen Geist hast Du<br \/>\nin meinen Lehm gehaucht.<br \/>\nDu l\u00e4sst mich nicht ruhen.<br \/>\nWie Abraham<br \/>\ndr\u00e4ngst Du mich aus Ur in Chald\u00e4a.<br \/>\nJahrzehnte werden vergehen<br \/>\nbis Licht und Dunkel ge<\/em>eint sind in mir,<br \/>\nwie sie eins sind in Dir. (110)<\/p>\n<p>Es ist die Natur mit all ihrer Sch\u00f6nheit, mit ihrer unersch\u00f6pflichen F\u00fclle und Kraft, die f\u00fcr ihn zur Metapher f\u00fcr das G\u00f6ttliche wird, und am Ende seines Lebens, als ein unoperabler Hypophysentumor seinen Lebenskreis einschr\u00e4nkt, w\u00e4chst sein Glaube in die Sph\u00e4re des vertrauenden Kindes hinein, und sein Meisterst\u00fcck gelingt ihm:<\/p>\n<p><em>Hinter den Horizonten<br \/>\nspielten die Engel<br \/>\nauf den Harfen des Salomo.<br \/>\nDie Propheten tanzten<br \/>\nund die Heiligen sangen<br \/>\ndas Lied vom tanzenden Hiob,<br \/>\nder Himmel und Erde einschloss<br \/>\nund nicht anders konnte,<br \/>\nals fortw\u00e4hrend tanzen,<br \/>\nbis seine kleine Form in St\u00fccke brach,<br \/>\nbis er als Ton, endg\u00fcltig frei,<br \/>\nin unendliche R\u00e4ume<br \/>\nfortschwingen konnte. <\/em>(158)<\/p>\n<p>Sein bekanntester und beliebtester Text, angeregt durch den Psalm 126, ist: \u201eEr f\u00fchrt uns heim\u201c (194), dieser wird bei Trauergottesdiensten und Gebetsabenden f\u00fcr Verstorbene immer wieder gebetet und dr\u00fcckt jene Hoffnung aus, die mit Gott verbunden ist, mit jenem Urgrund des Lebens, der nur mehr in den \u00e4u\u00dfersten Grenzsituationen ins Bewusstsein geholt wird.<\/p>\n<p><strong>Tanze, Adam, tanze, Eva!<\/strong><\/p>\n<p>Zum Schluss sei noch sein wichtigster Text vorgestellt, jenes kleine Bekenntnis, das den Glauben aller Christinnen und Christen b\u00fcndelt:<\/p>\n<p><em>Jesus<br \/>\nEiner kam<br \/>\nund zeigte,<br \/>\nwie ein Blitzlicht,<br \/>\neinen Bruchteil<br \/>\nder Geschichte,<br \/>\nwas ein Mensch<br \/>\nsein k\u00f6nnte. <\/em>(134)<\/p>\n<p>Die Texte Martin Gutls sind es wert, gelesen zu werden. Sie k\u00f6nnen Wege in das Innere erschlie\u00dfen, dorthin, wo Gottesbegegnung m\u00f6glich sein kann. Nicht nur f\u00fcr Trauerfeiern, auch f\u00fcr andere Gottesdienste finden sich Gebete und Texte, die an Lebenssituationen ankn\u00fcpfen, die Mut und Zuversicht wecken und veraltete, unbrauchbare Gottesbilder in den Hintergrund treten lassen.<\/p>\n<p><em>Tanze, Adam,<br \/>\ntanze, Eva,<br \/>\ntanze, o Mensch,<br \/>\ndenn du bist frei!<\/em> (152)<\/p>\n<p><strong><em>Der Autor ist Theologe und war von 1979 bis 2007 Direktor des Bildungshauses Mariatrost in Graz, Wegbegleiter und Nachlassverwalter von Rektor Martin Gutl.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Martin Gutl<\/em><\/p>\n<p>\u00a9 Styria<\/p>\n<p>\u00a9 Styria<\/p>\n<p>Buch<\/p>\n<p><strong>In vielen Herzen verankert <\/strong><\/p>\n<p>Ausgew\u00e4hlte Texte<br \/>\nVon Martin Gutl,<br \/>\nHg. von Karl Mittlinger.<br \/>\nStyria 2020<br \/>\n240 S., geb.,<br \/>\n\u20ac 19,99<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Nachlassverwalter des 1994 verstorbenen Priesters, Dichters und Rektor des Bildungshauses Mariatrost ist es mir ein Anliegen, seine Gedichte und Gebete im Bewusstsein zu halten.\u00a0Ich verweise auf den von mir herausgegebenen Auswahlband seiner sch\u00f6nsten Texte \u201eIn vielen Herzen verankert\u201c (Styria 2014, 3. Auflage). Vor der Ver\u00f6ffentlichung von Texten Martin Gutl ersuche ich um Kontaktaufnahme zur &hellip; <a href=\"https:\/\/mittlinger.at\/w\/?p=127\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">martin gutl<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-127","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemeines"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/127","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=127"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/127\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":600,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/127\/revisions\/600"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}