{"id":84,"date":"2015-02-23T14:40:50","date_gmt":"2015-02-23T13:40:50","guid":{"rendered":"http:\/\/mittlinger.at\/w\/?p=84"},"modified":"2022-03-08T15:28:03","modified_gmt":"2022-03-08T14:28:03","slug":"84","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/?p=84","title":{"rendered":"essays"},"content":{"rendered":"<p>Inhalt:<\/p>\n<ul>\n<li>Wir ziehen zur Mutter der Gnade oder Von der Flucht aus dem irdischen Jammertal ins himmlische Jerusalem<\/li>\n<li>Die Sprache hat wie der Wein einen K\u00f6rper. \u00dcber die Leidenschaft des Lesens<\/li>\n<li>Gegen den Strich k\u00e4mmem &#8211; Lyrik heute<\/li>\n<\/ul>\n<h2><\/h2>\n<h2><\/h2>\n<h2><span style=\"color: #800000;\"><strong>Wir ziehen zur Mutter der Gnade<\/strong><\/span><\/h2>\n<h2><strong>oder<\/strong><\/h2>\n<h2><strong>Von der Flucht aus dem irdischen Jammertal ins himmlische Jerusalem.<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Wallfahrt!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Altes, m\u00e4chtiges Bild f\u00fcr unser Dasein auf Erden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Gleichnis insbesondere f\u00fcr den Christenmenschen,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>der Pilger ist;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>das hei\u00dft ein verbanntes Kind Evas,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00a0stolpernd \u00fcber die Fluren und \u00c4cker der Fremde.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carl Amery, Die Wallfahrer<\/p>\n<p>In meiner Heimat in der Oststeiermark wird am Florianisonntag nach Auffen \u2018gebetet\u2019. Voran das Vortragskreuz, strebt ein H\u00e4uflein Menschen, den Rosenkranz in H\u00e4nden, dem Kirchlein zur Schmerzhaften Mutter zu. Die Waltersdorfer wiederum pilgern an Auffen vorbei nach Maria Fieberbr\u00fcndl, die Sch\u00f6nauer gehen auf den Kulm, die Kaindorfer auf den P\u00f6llauberg und die Pinzgauer sollen es besonders merkw\u00fcrdig treiben auf ihrer Wallfahrt nach St. Johann, wie das popul\u00e4re Spottlied zu berichten wei\u00df. Ein Netz sich \u00fcberschneidender Wallfahrtswege \u00fcberzieht unser Land. Fast jede Gemeinde, jede Pfarre hat ihre traditionelle Wallfahrt, die in letzter Zeit eingef\u00fchrten \u2018Fatimawallfahrten\u2019 an jedem 13. stehen hier weniger im Blickpunkt, das sind eher prozessions\u00e4hnliche Abendveranstaltungen, die ihrer K\u00fcrze wegen kaum dem herk\u00f6mmlichen Wallfahrtsbegriff entsprechen.<\/p>\n<p>Wallfahrten werden oft in Notzeiten gelobt oder als Dank f\u00fcr eine wunderbare F\u00fcgung versprochen und die sp\u00e4teren Generationen f\u00fchren sie mehr oder weniger getreulich aus.<\/p>\n<p>Jede Wallfahrt hat ein Heiligtum als Ziel, nicht eine beliebige Kirche. Kirchen werden dort gebaut, wo sie gebraucht werden, Heiligt\u00fcmer k\u00f6nnen nicht einfach erbaut werden, sie entstehen an \u2018durchgescheuerten Stellen\u2019: wo der Himmel besonders deutlich durchscheint. In den Ursprungslegenden der Wallfahrtsorte wird oft von einer Hierophanie berichtet, d.h. ein g\u00f6ttliches Wesen zeigte sich den Menschen an diesem Ort, ein Kultbild, eine heilende Quelle udgl wird entdeckt oder der Ort ist mit einer heiligen Person verbunden, die Reliquien von heiligen Frauen oder M\u00e4nnern sind Ziel von Pilgerfahrten, oft gibt es eine \u00fcber das Christentum hinausreichende Kulttradition, in unseren Landen wurden Marienkirchen \u00fcber alte Isisheiligt\u00fcmer gebaut, nicht zuf\u00e4llig ist unser anheimelndstes Kultbild die Madonna mit dem Kind, Isis mit dem Osiris auf dem Scho\u00df ist unzweifelhaft das Vorbild daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Wallfahrten werden aus vielerlei Gr\u00fcnden unternommen, f\u00fcr gedeihliches Wachstum in Haus und Hof, Gesundheit, um Bu\u00dfe zu tun, oder um einen Ehemann zu finden: da rutscht manch ein M\u00e4dchen bei der Wallfahrt nach Mariazell zum Gaudium der Pilgerschar auch heute noch \u00fcber den Heiratsstein, wenn es auch noch so beteuert, nicht daran zu glauben, vollzieht es doch diesen alten Fruchtbarkeitsritus. In Fieberbr\u00fcndl benetzen sich die Menschen die Augen, das Wasser soll Augenleiden lindern, in Rom ist die gro\u00dfe rechte Zehe des Apostels Petrus plattgek\u00fcsst, in Tschenstochau wird der Madonna eine Siesta einger\u00e4umt, zu Mittag geht der Vorhang vor dem Bild der schwarzen Madonna zu, in Santiago di Compostela stecken Pilgersfrau und -mann ihre H\u00e4nde in die Rachen der beiden L\u00f6wen am Fu\u00dfe der Statue des hl. Jakobus zum Zeichen der endg\u00fcltigen Gewissheit, am Ziel zu sein. F\u00fcr die kleinen Anliegen tuts unser Leonhard auch, sagen sie Murauer, f\u00fcr die gro\u00dfen N\u00f6te mu\u00df man schon zum Leonhard in Tamsweg wallfahren, so der Mesner dieses Lungauer Heiligtums.<\/p>\n<p>In der griechisch\/r\u00f6mischen Religion war die\u00a0<em>via sacra<\/em><em>\u00a0<\/em>der Inbegriff des Pilgerweges. Von Samos\/Pythagorio zum Heraion, von Milet nach Didyma, um nur zwei solcher eindrucksvoller und heute noch nachvollziehbarer Wege zu nennen, zogen die Menschen, ges\u00e4umt von Grabdenkm\u00e4lern und Statuen der G\u00f6tter und Heroen, \u00fcber die heilige Stra\u00dfe zum Wohnsitz der G\u00f6ttin oder des Gottes. Und, man wird es zugestehen m\u00fcssen, der Unterschied in Einstellung und Motivation der Pilgerschaft d\u00fcrfte zwischen gestern und heute nicht gravierend verschieden sein.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Pilgerscharen ziehen zum Ganges und nach Benares, in Gruppen oder einzeln ziehen sie singend dahin; denn wenn sie singen, bleiben sie auch inmitten der Menge mit Gott verbunden. Das Singen des Gottesnamens ist eine Kontemplationsform wie das Jesusgebet, jeder Schritt, jeder Atemzug wird mit einem Gottesnamen verbunden. F\u00fcr Hindus ist das Lebem insgesamt eine Wallfahrt. Sie wollen \u2018sehen\u2019: nicht im Sinne des sight-seeings, sie wollen Benares sehen, weil es der\u00a0<em>thirtha<\/em><em>\u00a0<\/em>ist, der \u00dcbergangsort, wo sich die G\u00f6tter zeigen.<\/p>\n<p>Dreimal im Jahr sollte der j\u00fcdische Mann nach Jerusalem hinauf pilgern, an Pesach, Schabuot und Sukkot, Freudenfeste allesamt.\u00a0<em>\u201eN\u00e4chstes Jahr in Jerusalem\u201c<\/em>\u00a0ist \u00fcber die Zeiten hinweg und durch die zionistische Bewegung insbesonders zum Sehnsuchtsgru\u00df des j\u00fcdischen Volkes geworden. Aber auch die Christen stimmen aus anderen Motiven in diesen Ruf ein, die V\u00f6lkerwallfahrt zum Berg Zion wurde zu einem diese zwei Religionen umgreifenden Symbol der Heimkunft aus der Zerstreuung.<\/p>\n<p>Der Weg nach Mekka ist im Islam die f\u00fcnfte Pflicht, einmal im Leben<em>\u00a0<\/em>ist der<em>hadjj<\/em>\u00a0zu absolvieren und jeder Muslim darf fortan den Titel\u00a0<em>al-hadjj<\/em><em>\u00a0<\/em>seinem Namen beif\u00fcgen, was Karl May-Leserinnen und -Leser ohnehin wissen.<\/p>\n<p>An der Wiege des Christentums stehen die Magier unter einem guten Stern als die ersten Wallfahrer, als die Vorbilder f\u00fcr alle religi\u00f6s Suchenden<\/p>\n<p>Das Christentum verbreitete sich durch Wanderprediger, es ist eine Religion zu Fu\u00df, in alle Welt ziehen die Missionare und bringen die Botschaft bis an die Grenzen der Erde. Von Anfang an war daher der Wunsch der Christen, jene Orte aufzusuchen, an denen Jesus gelebt und gewirkt hat, es war der Wunsch, ins Zentrum des Geschehens zu reisen, dorthin, wo sich die die Wunder ereignet haben. Sp\u00e4testens mit dem Reisebericht der Pilgerin<em>Egeria<\/em>\u00a0(vermutlich im 4. Jahrhundert) ist neben der Feier des Kirchenjahres, in dem das Leben Jesu in einem Jahrlauf \u2018nachgeahmt\u2019 wird, der Besuch der Heiligen St\u00e4tten eine weitere M\u00f6glichkeit, sich an Ort und Stelle die Ereignisse zu vergegenw\u00e4rtigen. Die Wallfahrt wird dadurch aber auch zu einer Art Grenzerfahrung: das bisherige Leben wird verlassen, durch die M\u00fchen und Beschwernisse der Reise, einer Leidens- und Passionserfahrung, hindurch gelangt man zur Auferstehung.<\/p>\n<p>Neben Jerusalem als dem ersten und wichtigsten Pilgerziel und Rom als Begr\u00e4bnisst\u00e4tte der Apostel Petrus und Paulus wird \u2018am Ende der Welt\u2019, im Nordwesten Spaniens, Santiago de Compostela<em>\u00a0<\/em><em>der<\/em><em>\u00a0<\/em>Wallfahrtsort des Mittelalters. Jakobus der \u00c4ltere der Sohn des Zebed\u00e4us der um 44 als erster der Apostel den M\u00e4rtyrertod erlitten hat, soll der Legende nach in Spanien gepredigt haben, sein Leichnam kam sp\u00e4ter auf wundersame Weise nach Santiago. Jakobus wird zum Inbegriff des Wanderers, die Wallfahrt nach Santiago wird im Mittelalter das \u00c4qivalent zum\u00a0<em>hadjj<\/em><em>\u00a0<\/em>und Jakobus als der\u00a0<em>metamauros,<\/em>\u00a0der Maurent\u00f6ter, wird zum Inbild des Kampfes gegen den Islam.<\/p>\n<p>Der Entschluss zu einer Wallfahrt passiert zuerst einmal im Kopf &#8211; meist lange Zeit vor dem tats\u00e4chlichen Aufbruch ist es ein Traum. Heutzutage ist es zumeist nicht Gottes direkte Stimme wie bei Abraham; ihm befiehlt der Ruf Gottes in ein Land zu ziehen das er ihm zeigen werde (Gen 12,1). Auch Engel, die einem wie Josef im Traum befehlen, sind selten geworden.<\/p>\n<p>Wallende, wie der altert\u00fcmlich Ausdruck lautet, tragen die Sehns\u00fcchte des ganzen Lebens und alle unerf\u00fcllten Kindheitstr\u00e4ume im Rucksack mit, f\u00fcr weiteres Gep\u00e4ck bleibt meist nicht viel Platz.<\/p>\n<p>Pilger, das Wort kommt vom lateinischen\u00a0<em>peregrinus<\/em>\u00a0&#8211; der Fremde, der aus seiner Heimat Aufgebrochene. Im Mittelalter war diese Pilgerschaft nicht immer freiwillig, gar manchem wurde als Bu\u00dfe f\u00fcr seine Verfehlungen die Wallfahrt nach Compostela oder einem anderen Heiligtum \u2018aufgebrummt\u2019 und dementsprechend war wohl auch die Einstellung solcher Menschen, die nicht aus edlen Motiven, sondern gezwungenerma\u00dfen unterwegs waren. Pilgersein bedeutete immer Not und Entbehrungen auf unwirtlichen Stra\u00dfen aushalten. Diese mittelalterlichen Wallfahrten haben mit den in den letzten Jahren wieder gro\u00df in Mode gekommenen Fu\u00dfwallfahrten nach Santiago, Mariazell usw. nicht mehr viel gemeinsam. Ein gut ausgebautes, markiertes Wegenetz, Herbergen aller Preisklassen, leichte, zweckm\u00e4\u00dfige Kleidung machen Fu\u00dfreisen zwar nicht zum Vergn\u00fcgen, es ist immer noch ein entbehrungsreiches Unterfangen, aber Gefahr f\u00fcr Leib und Leben besteht kaum noch. Vor allem haben sich die Motive ge\u00e4ndert: f\u00fcr viele ist es ein Ausstieg aus dem beruflichen Trott, eine \u2018Auszeit\u2019, in der eine Besinnung m\u00f6glich ist, f\u00fcr andere wieder kann eine l\u00e4ngere Wallfahrt auch eine Flucht vor ungel\u00f6sten Problemen sein; Heute ist sie sehr oft eine Art Selbsterfahrungstrip, ein Test der k\u00f6rperlichen Leistungsf\u00e4higkeit, viele Gr\u00fcnde spielen beim Entschluss, eine solche Reise anzutreten, mit. So sind sog. Orte der Kraft (Berge, W\u00fcsten, Quellen, B\u00e4ume, Wunder der Natur insgesamt aber auch Bauwerke \u00e4lterer Kulturen), an denen viele Menschen ihre Verbundenheit mit dem ganzen Kosmos besonders deutlich sp\u00fcren, Ausdruck dieses religi\u00f6sen Suchens. Die Kirchen sind ja l\u00e4ngst nicht mehr die alleinigen Vertreter und H\u00fcter von Religion. Wenn Wallfahrt so etwas wie das Pilgern zum Glaubenszentrum ist, dann sind die verschiedenen Wallfahrtsziele Signale daf\u00fcr, dass die Menschen Kontakt zum Wunderbaren, zum Heiligen nicht nur dort suchen, wo Priester und Religionsvertreter hinweisen. Das war \u00fcbrigens auch in der Vergangenheit so, oben wurde bereits darauf hingewiesen: die alten vorchristlichen Heiligt\u00fcmer lie\u00dfen sich die Menschen nicht aus den Herzen reissen. \u2018Eingefleischt\u2019 waren die Wege dorthin, es blieb oft nichts \u00fcbrig, als diese alten Kultorte \u2018zu taufen\u2019 um nicht deswegen mit den Gl\u00e4ubigen in Konflikt zu geraten. So sind Wallfahrtsorte auch immer ein Ausdruck einer \u2018Volkstheologie\u2019, die sich in bestimmten Glaubensfragen selbst\u00e4ndig gemacht hat. Der Gro\u00dfteil der christlichen Wallfahrtsorte sind der Madonna geweiht. Das ist wohl auch ein stiller Protest gegen ausschlie\u00dflich m\u00e4nnliche Gottesbilder im Christentum, die uralte Sehnsucht nach der Gro\u00dfen Mutter und G\u00f6ttin wird mit Maria besetzt und das kirchliche Lehramt kann wettern und protestieren soviel es will.<\/p>\n<p>Wallfahrt hat auch zu tun mit einer negativen Sicht der Welt, die als Jammertal erlebt wird. Wenn Pilgerinnen und Pilger nach oft monatelanger Reise die porta gloriosa in Santiago durchschreiten, treten sie in ein Abbild des himmlischen Jerusalem, wenn die Wallfahrer in Vierzehnheiligen in Franken vor dem Eintritt um die Basilika ziehen, so tun sie dies aus einem Gef\u00fchl der notwendigen allerletzten Bereitung der Herzen f\u00fcr die Begegnung mit dem Heiligen, von dem Heilung und Heil in besonderem Ma\u00dfe erwartet werden.<\/p>\n<p>Der Wunderglaube geh\u00f6rt zum Wallfahrtswesen wie das Andenken und das Mitbringsel, Wallfahrtsorte sind f\u00fcr Puristen und \u00c4stheten ein Greuel: Kitsch und Aberglaube geben sich ein dauerndes Stelldichein, manche Eiferer w\u00fcnschen sich den Jesus mit einer siebenschw\u00e4nzigen Gei\u00dfel herbei, mit der er die H\u00e4ndler vertreiben m\u00f6ge. Was aber w\u00e4re ein Wallfahrtsort ohne diese St\u00e4nde und M\u00e4rkte? Abgesehen von der Tatsache, dass heutzutage kein Fu\u00dfballverein, kein Popkonzert, kein Museum ohne diese Art der Verh\u00f6kerung von Andenken auskommt: es wird nur anders genannt: wer denkt bei\u00a0<em>merchandising<\/em>\u00a0an Wallfahrtsandenken? Es geh\u00f6rt zu den unausrottbaren Bed\u00fcrfnissen der Menschen, eine Erinnerung, eine Reliquie vom Gnadenort mitzubringen. Damit im Alltag ein wenig vom Glanz des Heiligtums erinnert werden kann.<\/p>\n<p>Die Formen der Wallfahrt \u00e4ndern sich, Bus und Flugzeug haben Transportaufgaben \u00fcbernommen, Bu\u00dfetun ist in den Hintergrund ger\u00fcckt, die Selbsterfahrung hat sich den verschiedensten anderen Motiven zugesellt, aus der Einkehr ist ein religi\u00f6ser\u00a0<em>event<\/em>\u00a0geworden, weil aber die Menschen innerhalb einiger Jahrtausende sich nicht gravierend \u00e4ndern, stehen wir in einer ehrfurchtsgebietenden Wallfahrtstradition, die zu den gro\u00dfen Kulturleistungen der Menschen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>(1998)<strong>\u00a0<\/strong>Wir ziehen zur<strong>\u00a0<\/strong>Mutter der Gnade. Von der Flucht aus dem Jammertal ins himmlische Jerusalem<strong>\u00a0<\/strong>in: Der Vierzeiler, Zeitschrift f\u00fcr Musik, Kultur und Volksleben, 18. Jg., Nr. 2, Juni 1998, 9-11;<\/p>\n<h2><span style=\"color: #800000;\">Die Sprache hat wie der Wein einen K\u00f6rper.<\/span><\/h2>\n<h2><strong>\u00dcber die Leidenschaft des Lesens.<\/strong><\/h2>\n<p>Eine m\u00e4nnlich-aphoristische Ann\u00e4herung<\/p>\n<p>Sprache der Liebenden<\/p>\n<p>sei die Sprache des Landes<\/p>\n<p>F.H\u00f6lderlin<\/p>\n<p>Das Lesen ist etwas Mysteri\u00f6ses, die Augen folgen den kleinen Buchstaben, ein Fuchs, der schn\u00fcffelnd einer F\u00e4hrte\u00a0<strong>\u00a0<\/strong>nachsp\u00fcrt. St\u00e4bchen waren die Buchstaben einst, mit aufgemalten oder eingeritzten Zeichen. H\u00fcbsch ist die volksetymologische Erkl\u00e4rung von der Buche als dem urspr\u00fcnglichen Material, auf dem geschrieben worden sei, die ein Gang durch die W\u00e4lder der Verliebten immer wieder zu best\u00e4tigen scheint:<\/p>\n<p>in dich<\/p>\n<p>bin ich eingeritzt<\/p>\n<p>herz und pfeil<\/p>\n<p>die narben<\/p>\n<p>blindenschrift auf deiner haut<\/p>\n<p>erz\u00e4hlen von mir<\/p>\n<p>du bibel<\/p>\n<p>voller erinnerungen<\/p>\n<p>ans paradies<\/p>\n<p>Zerflossen ist die Schrift im Laufe der Jahre und mitgewachsen in die H\u00f6he, wie die Zeit vergeht, die nachdenklichen Seufzer, die Versprechungen, die Schw\u00fcre, was ist aus ihnen geworden, die Umarmungen, die K\u00fcsse und das Wort ist Fleisch geworden.<\/p>\n<p>Lesen entlarvt verwirrt beanstandet entbl\u00f6\u00dft beargw\u00f6hnt verniedlicht be\u00e4ugt entehrt verpfuscht bedroht entfesselt verplempert beeindruckt entflammt befingert verrenkt entfremdet t\u00e4uscht befummelt begl\u00fcckt verroht entgottet beheimatet verschandelt enth\u00fcllt behelligt schw\u00e4ngert verscheucht enthusiasmiert verschleiert bekehrt entkleidet verschmutzt bel\u00e4stigt entkr\u00e4ftet verschult beleidigt elektrisiert versch\u00fcttet foltert beleuchtet heilt verdirbt bem\u00e4ntelt befl\u00fcgelt verkl\u00e4rt t\u00f6tet besamt vergrault bet\u00e4ubt erregt verkrampft beschei\u00dft verkuppelt entlaust beschummelt besch\u00fctzt beschwingt verteufelt bespringt erhitzt l\u00e4hmt vermasselt entledigt vermiest entleibt vermint entlockt vermurt entm\u00fcndigt vernagelt entmythologisiert vernebelt n\u00e4hrt verhext infiziert verdummt l\u00e4utert verwundet fanatisiert verh\u00fctet d\u00e4monisiert vergewaltigt entnazifiziert entr\u00e4tselt vergr\u00e4tzt begeistert verbrennt zerst\u00f6rt verzaubert. Auch bilden soll es. Wie langweilig.<\/p>\n<p>Die Briefleserin von Jan Vermeer van Delft (1632 &#8211; 1675)<\/p>\n<p>Eine Schwangere liest einen Brief. Genauer das Bild zu beschreiben, ist hier nicht der Ort. Sie, die einen Mann erkannte und von ihm erkannt wurde, liest, so darf wohl angenommen werden, den Brief des in der Ferne weilenden geliebten Mannes. Im Lesen ist er anwesend, sie h\u00f6rt ihn sprechen, lachen, sp\u00fcrt ganz k\u00f6rperlich seine Sehnsucht nach ihr, erinnert sein ungeduldiges Dr\u00e4ngen hinter den liebevollen Worten, dem Auftrag, dem er nachkommen mu\u00dfte, flucht er, z\u00e4hlt die Tage der Trennung, fl\u00fcstert ihr Intimes ins Ohr, er fragt nach ihrem Wohle, besorgt wohl ein wenig und ergeht sich in Vermutungen, ob es ein Bub oder ein M\u00e4dchen werde. Geliebt, geborgen, ganz Frau ist sie in diesen Minuten des Lesens, seine Andeutungen w\u00e4rmen sie, seine fahrige Schrift erscheint ihr liebenswert wie die unbeholfene Z\u00e4rtlichkeit seiner H\u00e4nde, die sie so sehr herbeisehnt:<\/p>\n<p>ich schreibe dich<\/p>\n<p>in mein herz<\/p>\n<p>lausche den Geschichten<\/p>\n<p>aus jungm\u00e4dchentagen<\/p>\n<p>ahne das lustige kind<\/p>\n<p>hinter ernsthaften geb\u00e4rden<\/p>\n<p>erinnere schlaftrunkene k\u00f6rperw\u00e4rme<\/p>\n<p>morgentaublicke heublumenhaar<\/p>\n<p>male mir auf vergilbten fotos<\/p>\n<p>deine liebe aus<\/p>\n<p>sehe dich \u00e4lter werden<\/p>\n<p>an der gr\u00f6\u00dfe der kinder<\/p>\n<p>kritzle schmetterlingsfl\u00fcgel<\/p>\n<p>um sorgsam verheimlichte falten<\/p>\n<p>verziere mit dem klang deiner stimme<\/p>\n<p>die gesten tr\u00f6stender h\u00e4nde<\/p>\n<p>wort f\u00fcr wort<\/p>\n<p>buchstabiere ich dich<\/p>\n<p>zwischen den zeilen<\/p>\n<p>lese ich mich*)<\/p>\n<p>Du kleine Handvoll Buch. Liebesgedichte in feinstem Leder, mit rotem B\u00e4ndchen, wie ich dich liebe, wei\u00dft du nicht, du wunderlichstes Buch der B\u00fccher, aufmerksam hab&#8216; ich&#8217;s gelesen: wenig Bl\u00e4tter Freuden, ganze Hefte Leiden.**<\/p>\n<p>Eine Diskette, eine Videokassette werd ich nie gernhaben k\u00f6nnen. Wie oft aber hab ich schon liebevoll und behutsam ein Buch in die Hand genommen, es z\u00e4rtlich betrachtet, versonnen schon beim Lesen des Titels die sch\u00f6nsten Stellen erinnert, mich an der bibliophilen Ausstattung erfreut, die Spuren des Alters diskret \u00fcbersehend, hab ich an meinen aufmerksamen Unterstreichungen und Notizen &#8211; merken hei\u00dft ja kennzeichnen &#8211; mich wiedererkannt oder mich \u00fcber meine bleiernen Bemerkungen gewundert. An den B\u00fcchern kann ein Mann erkennen, wie viele Geliebte er haben m\u00f6chte, wie viele Seiten er entdecken und lesen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Geschichte von dem Manne ist zu erz\u00e4hlen, der t\u00e4glich von seiner fernen Geliebten einen Brief bekam. Eine getreue Chronistin war sie, berichtete ihm von der von ihr ersonnenen Anleitung zum Basteln eines Hampelmannes, erz\u00e4hlte ihm haargenau die Kuschelgeschichte f\u00fcr ihre Daumenlutscher &#8211; wir haben es mit einer Krankenschwester auf einer Kinderstation zu tun &#8211; trug ihm ihre diffizilen \u00dcberlegungen von der Kombination des preisg\u00fcnstigen Einkaufens mit dem Erwerb m\u00f6glichst naturnaher Lebensmittel vor, vertraute ihm ihre Zweifel an ob der Ungespritztheit der \u00c4pfel, die sie von einem Bauern erwarb und verschonte ihn auch nicht vor der Gebrauchsanweisung zum F\u00e4rben ihrer Haare mit Henna. In jedem Brief aber kam sie auf einen ihrer K\u00f6rperteile zu sprechen, erst so nebenhin, bald aber ermuntert, ja aufgefordert von ihrem Geliebten. Ihren schwanengleichen Hals,ihr loreleym\u00e4\u00dfiges Haar, ihre himbeerfarbenen Brustwarzen beschrieb sie ihm ausf\u00fchrlich, ihre z\u00fcngelnde Zunge ein andermal, ihre schlanken Beine &#8211; wir wollen \u00fcber ihre abgegriffenen Vergleiche und schm\u00fcckenden Beiw\u00f6rter taktvoll hinwegsehen &#8211; die nach streichelnden Liebkosungen hungrige Haut, ihre ozeanischen Augen verstand sie ihm begehrenswert zu beschreiben, ihren pulsierenden Venush\u00fcgel nicht weniger detailreich. Der arme Mann verzehrte sich vor Sehnsucht und ermunterte sie zu offenherziger Preisgabe der bis dahin sorgsam geh\u00fcteten intimen Bezirke ihres K\u00f6rpers. Bald waren ihm die blo\u00dfen Schilderungen zu wenig Anregung, er bat sie, dies und jenes zu versuchen, sich in Experimenten zu ergehen und ihm die Wirkungen und Empfindungen dabei ausf\u00fchrlich zu protokollieren, bis er, immer fordernder werdend, ihre Gedanken bis in die kleinsten Regungen f\u00fcr sich beanspruchte. Die Frau begann erst unmerklich zu kr\u00e4nkeln, entschuldigte sich bald wegen h\u00e4ufiger Unp\u00e4\u00dflichkeiten, bleich und ausgezehrt erschien sie ihrer Umgebung, wegen andauernder Schw\u00e4cheanf\u00e4lle mu\u00dfte sie nach geraumer Zeit ihren Dienst in der Klinik aufgeben, apathisch d\u00e4mmerte sie schlie\u00dflich ihrem g\u00e4nzlichen Verfalle entgegen. Wir k\u00f6nnen wohl nicht umhin zu bemerken, da\u00df es der Postbote war, der sie Brief f\u00fcr Brief dem uners\u00e4ttlichen Manne zugetragen hatte, bis nichts mehr von ihr blieb denn ein H\u00e4ufchen Elend.<\/p>\n<p>Mein Haupt bette ich auf deine Briefe bis sie zerbr\u00f6seln.<\/p>\n<p>Ein nasses H\u00f6schen oder eine Erektion sind weniger Erweis f\u00fcr die erotisierenden Wirkung der Sprache als die spontane Heilung durch einen Au\u00dferordentlichen:<\/p>\n<p>sein sturmwort bl\u00e4ht<\/p>\n<p>das in sich gesunkene seelenzelt<\/p>\n<p>gestocktes blut wallt auf<\/p>\n<p>kaskaden spr\u00fchender font\u00e4nen<\/p>\n<p>zeugen einen regenbogen<\/p>\n<p>\u00fcber die berstenden angstmauern<\/p>\n<p>springt der erl\u00f6ste mensch<\/p>\n<p>Fred Feuerstein mei\u00dfelt f\u00fcr Wilma seine Liebesschw\u00fcre auf Granit f\u00fcr immer und ewig. Ich brauch nur das Speichern zu vergessen oder ich sto\u00dfe an die Ausschalttaste meines Laptops, schon ist es geschehen, die Liebe geht ihrer Wege.<\/p>\n<p>Ungewollt schw\u00e4ngern dich Worte und Bilder. In ein Kondom eingesackt schw\u00e4mmst du am besten durch des Zeitgeists Fluten, keine unfruchtbaren Tage gibt es, keine Menopause und aufpassen n\u00fctzt nichts.<\/p>\n<p>Das Kleingedruckte lesen sie meist nicht, unterschreiben die Vertr\u00e4ge in ihrer sch\u00f6nsten Sonntagsschrift, die Sonderangebote locken, das sch\u00f6ne Geschenkspapier blendet, nicht umsonst spricht man von Mogelpackungen und so manch einf\u00e4ltig liebend Paar kennt nicht einmal die Gebrauchsanweisung.<\/p>\n<p>Segen und Fluch, die magische Kraft des Wortes: was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben, basta.<\/p>\n<p>______________________________<\/p>\n<p>*) Karl Mittlinger, unter dem eis \u00fcberleben die fische, Styria 1989, S. 20;<\/p>\n<p>**)Wie ich dich liebe, wei\u00dft du nicht, Liebesgedichte, Fretz &amp; Wasmuth, Z\u00fcrich 1987.: Elise Oelsner S.7; Buch der Liebe von J.W.von Goethe, S.9;<\/p>\n<p>(1993)<strong>\u00a0<\/strong>Die Sprache<strong>\u00a0<\/strong>hat wie der Wein einen K\u00f6rper. \u00dcber die Leidenschaft des Lesens. Eine m\u00e4nnlich-aphoristische Ann\u00e4herung<strong>\u00a0<\/strong>in: bakeb informationen, Bundesarbeitsgemeinschaft f\u00fcr Kath. Erwachsenenbildung in \u00d6sterreich 4\/93, 21-23;<\/p>\n<h2><span style=\"color: #800000;\"><strong>Gegen den Strich k\u00e4mmen \u00a0<\/strong><\/span><\/h2>\n<h2><span style=\"color: #000000;\"><strong>Lyrik heute<\/strong>\u00a0<\/span><\/h2>\n<p>\u00dcber den Satz, dass man nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben k\u00f6nne (Theodor W. Adorno), darf man sich nicht hinwegschwindeln, will man nach der Shoa \u00fcber Lyrik nachdenken. Nat\u00fcrlich wurden nach 1945 Gedichte geschrieben und die Gedichte von Nelly Sachs, Paul Celan, Marie Luise Kaschnitz, Ingeborg Bachmann, Christine Lavant, Rose Ausl\u00e4nder, Reiner Kunze, Ilse Aichinger, Hans Magnus Enzensberger, Ernst Jandl \u2026 um nur einige zu nennen, geh\u00f6ren zu den wichtigsten kulturellen G\u00fctern unserer Zeit, aber auch Brigitte Oleschinski, Norbert Hummelt, und Oswald Egger \u2026 geh\u00f6ren gelesen, auch wenn es vielleicht mit einmal Lesen nicht getan ist. Adorno ist wohl so zu interpretieren, dass sich die Welt nach dem Grauen des nationalsozialistischen Terrors nicht mehr reimt. Ein Grundverdacht gegen die Lyrik regt sich aber schon viel fr\u00fcher, Heinrich Heine schreibt in seinem Vorwort zum Buch der Lieder:\u00a0<em>Es will mich bed\u00fcnken, als sei in sch\u00f6nen Versen allzu viel gelogen worden, und die Wahrheit scheue sich in metrischen Gewanden zu erscheinen.<\/em>\u00a0(Peter von Matt, Die verd\u00e4chtige Pracht, 37)<\/p>\n<p>Was Lyrik wirklich ist, l\u00e4sst sich nicht in einen einfachen Satz fassen. Waren urspr\u00fcnglich Texte gemeint, die zur Lyra gesungen wurden, so trat in der Romantik das verinnerlichende Empfinden von \u00e4u\u00dferer Wirklichkeit in den Mittelpunkt. Reim, Versma\u00df, Strophe, Verdichtung, Metapher waren die wichtigsten Elemente. Zeitgen\u00f6ssische Gedichte leben von den Bildern und den Anspielungen, von der visiblen Struktur, vom Rhythmus. Kaum mehr vom Reim.<\/p>\n<p>Zu einfach machen es sich jene, die wie ehedem ihre individuellen Empfindungen angesichts der Jahreszeiten in Reime gie\u00dfen, gewogen und zu leicht befunden wird das r\u00fcckw\u00e4rts gewandte Trauern um eine gute alte Zeit. Auf die Gedichte in Mundart m\u00f6chte ich nicht eingehen, zu leicht ger\u00e4t hier die Auseinandersetzung damit in ein L\u00e4cherlichmachen.<\/p>\n<p>Kunstwerke entbergen ein St\u00fcck Wahrheit, entrei\u00dfen es dem Fluss des Vergessens, wie dies das griechische Wort f\u00fcr Wahrheit (aletheia) nahe legt.<\/p>\n<p>Gedichte wollten in der Vergangenheit sch\u00f6n sein. Sch\u00f6nsein allein aber gen\u00fcgt nicht mehr, oder es gen\u00fcgt schon, wenn es in der tieferen Bedeutung Sch\u00f6nes gar nicht gibt, das nicht auch wahr ist.<\/p>\n<p>Wahrheit aber ist nicht immer sch\u00f6n, das ist die Krise des Gedichtes oder die Krise jener, die Gedichte so lesen wollen, wie sie gelesen wurden in den Zeiten vor dem Blick in den Abgrund.<\/p>\n<p>Dass es gesagt sei: Gedichte sollen geschrieben werden, weil sie gut geeignet sind, innere Stimmungen auszudr\u00fccken. Aber sie m\u00f6gen dann in die Schreibtischlade gesperrt werden, wenn sie der menschlichen Gemeinschaft nichts Neues zu vermelden haben. Dass die Gesetze des Marktes die Lyrik aus den Buchhandlungen gefegt haben, liegt zum gro\u00dfen Teil auch daran, dass sie gewogen und die Mehrheit f\u00fcr zu leicht gefunden wurde.<\/p>\n<p>Eine Ingeborg Bachmann w\u00fcrde auch heute entdeckt werden.<\/p>\n<p>Dass Gedichte heute auf Unverst\u00e4ndnis sto\u00dfen, liegt oftmals daran, dass sie sich hermetisch geben, dass sie nur von Menschen verstanden werden, die zu den Bildern und auch zu Bildung im klassischen Sinn Zugang haben. Das ist aber nicht anders als in der Malerei der Barockzeit, hier sieht man Frauen, M\u00e4nner und irgendwelche Fabelwesen abgebildet, wer die darin verborgenen G\u00f6tter- und Heldengeschichten und die damit verbundenen Allegorien nicht kennt, vermag vielleicht sch\u00f6ne, \u00fcppige Nackte und waffenstarrende Muskelm\u00e4nner zu entziffern, einen Zugang zu diesen \u201eSchinken\u201c bleibt verwehrt.<\/p>\n<p>Romane beschreiben bis in die kleinsten Regungen, entwerfen Seelengem\u00e4lde und versuchen die Geheimnisse des Lebens so darzustellen, dass in den Lesenden Filme ablaufen. Gedichte verk\u00fcrzen auf das Wesentliche, kleiden es in ein Bild.<\/p>\n<p>Der Sukkus eines Romans l\u00e4sst sich in einem einzigen Satz, den eine Romanfigur vielleicht so nebenbei sagt, darstellen. \u201eBist du gl\u00fccklich, fragt er sie. Ich z\u00e4hle die Abschiede zusammen, antwortet sie und ihre Augen f\u00fcllen sich mit Tr\u00e4nen\u201c.<\/p>\n<p><em>Ich z\u00e4hle die Abschiede<\/em><\/p>\n<p><em>auf deine Frage<\/em><\/p>\n<p><em>ob ich gl\u00fccklich bin.<\/em><\/p>\n<p>So w\u00fcrde m\u00f6glicherweise in einem Gedicht diese Frage beantwortet werden, ohne die Tr\u00e4nen in den Augen, denn Lyrik m\u00f6chte viel offen lassen, m\u00f6chte die Lesenden in die Antwort auf die Frage einbeziehen.<\/p>\n<p>Genau genommen ist die Lyrik die literarische Gattung der Gegenwart. Das Erz\u00e4hlen ist zu langatmig in einer Zeit, in der die Beitr\u00e4ge in den Medien immer k\u00fcrzer werden \u2013 m\u00fcssen, die Verantwortlichen meinen den Konsumenten nicht mehr als eine dreiviertel Minute zumuten zu k\u00f6nnen, auch diese wom\u00f6glich noch mit Musik untermalt und durch Bilder aufgefettet. Aber es gibt einen Haken dabei: Lyrik will nicht erkl\u00e4ren, Lyrik will sich in unserer Hirngeografie im gro\u00dfen Bilderozean tummeln.<\/p>\n<p>Aber weit besser als theoretisch dar\u00fcber zu philosophieren, ist ein Gedicht vorzustellen, das sich mit dem Schaffen eines Gedichtes besch\u00e4ftigt:<\/p>\n<p>Ein Gedicht<\/p>\n<p>Ein Gedicht, aus Worten gemacht.<\/p>\n<p>Wo kommen die Worte her?<\/p>\n<p>Aus den Fugen wie Asseln,<\/p>\n<p>Aus dem Maistrauch wie Bl\u00fcten,<\/p>\n<p>Aus dem Feuer wie Pfiffe,<\/p>\n<p>Was mir zuf\u00e4llt, nehm ich<\/p>\n<p>Es zu k\u00e4mmen gegen den Strich,<\/p>\n<p>Es zu paaren widernat\u00fcrlich,<\/p>\n<p>Es nackt zu scheren,<\/p>\n<p>In Lauge zu waschen<\/p>\n<p>Mein Wort.<\/p>\n<p>Meine Taube, mein Fremdling,<\/p>\n<p>Von den Lippen zerrissen,<\/p>\n<p>Vom Atem gesto\u00dfen,<\/p>\n<p>In den Flugsand geschrieben<\/p>\n<p>Mit meinesgleichen<\/p>\n<p>Mit seinesgleichen<\/p>\n<p>Zeile f\u00fcr Zeile,<\/p>\n<p>Meine eigene W\u00fcste<\/p>\n<p>Zeile f\u00fcr Zeile<\/p>\n<p>Mein Paradies.<\/p>\n<p>(Marie Luise von Kaschnitz, aus dem Sammelband \u201e\u00dcberallnie\u201c)<\/p>\n<p>Ich meine, es w\u00e4re schade, dar\u00fcber viele Worte zu machen, so entstehen Gedichte, aus einem Einfall, einer Eingebung, aus kreativem Umgang mit dem Einfall, verbunden mit handwerklichem K\u00f6nnen (6-5-4-2-4, die Anzahl der Verse in den Strophen), vielleicht meint die Taube den Geist, der \u00fcber den Wassern schwebt oder sich ausgie\u00dft \u00fcber die Poetin.<\/p>\n<p>Lyrik erschlie\u00dft sich nicht unbedingt jenen, die sie verstehen wollen. Sie will umworben, immer wieder geh\u00f6rt, gelesen auch auswendig gelernt werden. Gleichsam von selbst wird sich die Spreu vom Weizen trennen und einige Gedichte werden bleiben und getreu durchs Leben begleiten. Es lohnt sich, die Suche zu beginnen oder fortzusetzen!<\/p>\n<p>(2006)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inhalt: Wir ziehen zur Mutter der Gnade oder Von der Flucht aus dem irdischen Jammertal ins himmlische Jerusalem Die Sprache hat wie der Wein einen K\u00f6rper. \u00dcber die Leidenschaft des Lesens Gegen den Strich k\u00e4mmem &#8211; Lyrik heute Wir ziehen zur Mutter der Gnade oder Von der Flucht aus dem irdischen Jammertal ins himmlische Jerusalem. &hellip; <a href=\"https:\/\/mittlinger.at\/w\/?p=84\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">essays<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-84","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemeines"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=84"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":593,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84\/revisions\/593"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=84"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=84"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mittlinger.at\/w\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=84"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}