theologische reflexionen

Meine Gedanken am Schluss der Reihe „Gewalt in der Antike“ 2015/16 im Bildungshaus Mariatrost

 Steven Pinker, Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit (Fischer TB 19229) S. 42:

„Nein, die Hinrichtung Jesu ist die Frohe Botschaft, ein notwendiger Schritt in einem höchst wundersamen historischen Ablauf. Indem Gott die Kreuzigung stattfinden ließ, tat er der Welt einen unermesslichen Gefallen. Obwohl er unendlich mächtig, mitfühlend und weise ist, konnte er sich keinen anderen Weg ausdenken, um die Menschheit vor der Bestrafung für ihre Sünden (und insbesondere für die Sünde, von einem Paar abzustammen, das ihm ungehorsam war) zu erlösen…Wenn die Menschen anerkennen, dass dieser sadistische Mord ein göttliches Gnadengeschenk war, können sie das ewige Leben erwerben. Und wenn sie die Logik in alledem nicht erkennen, wird ihr Fleisch für alle Ewigkeit in einem quälenden Feuer brennen…“

Hier schreibt einer, der von außen auf die christliche Lehre schaut und die möglichen theologiehistorischen Entwicklungen bewusst nicht näher anschaut, sondern es so liest, wie es tatsächlich gelesen werden kann. Wir Christen fühlen uns durch solch eine Lesart möglicherweise falsch verstanden oder missinterpretiert

Ich habe das bewusst so wörtlich zitiert, weil wir für diese schrecklichen Aussagen so selbstverständlich hinnehmen, es ist uns gar nicht mehr bewusst, welch grauenhafte Botschaften sie transportieren. Es nützt m.E. wenig so zu argumentieren, wie man es in der Theologie immer wieder hört, dass sich eben unsere gewaltverhaftete Welt darin widerspiegle und dass mit der Auferstehung ein Weg daraus gezeigt werden solle, dass Gott seinen Sohn eben nicht verlassen habe, sondern ihn vom Tode auferweckt habe. Das Einverständnis Gottes, um in dieser anthropomorphen Sprache zu bleiben, wird wenigstens stillschweigend vorausgesetzt, auch wenn das Motiv des Beleidigtsein Gottes wegen unserer Sünden weggelassen werden kann, das stammt vom mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury und wird heute eher nicht mehr geschätzt.

Das in der Erlösungslehre vorgestellte Gottesbild widerspricht aber so diametral der Botschaft vom barmherzigen Vater, der ohne Gekränktheit oder erfüllt von Wiedergutmachungsforderungen auf seinen Sohn = auf die Menschen zugeht, der, um es in einer abgehobenen Sprache auszudrücken, die Sünden seines Sohnes längst weggeliebt hat und den Sohn dadurch befähigt hat, umzukehren. Genau deshalb ist der Geist Gottes in diesen Jesus von Nazaret am Jordan herabgekommen, genau deshalb ist er diese Botschaft geworden.

Und das ist, das wäre das Gegenbild gegen die Gewaltverhaftetheit der Antike (und unserer Gegenwart natürlich auch) gewesen, der liebende Gott, der wohl weit besser durch das wohl noch ältere Bild der Mutter mit dem Kind dargestellt werden könnte. Nicht umsonst heimelt es uns so an, dieses Bild der Isis mit dem Horusknaben auf dem Arm, das Urbild unserer Madonnendarstellungen.

In diesem Gottesbild hätte der Mensch Platz zu einer Umkehr, zur Veränderung, zu der er ohne durch Höllendrohung und Folter von sich aus aufbrechen könnte. Und wir könnten Gott dafür preisen, dass er uns diese Fähigkeit zur frei-willigen Umkehr, allein aus dem Gewissen heraus, in den Bereich unserer Möglichkeiten gelegt hat. Ein solches Gottesbild wäre aufregend neu und hätte etwas, das ein neues Licht auf uns Menschen werfen würde: es zu ersinnen, aus dem Fundus der jesuanischen Gedanken herauszuschälen. Paulus, Augustinus und Anselm von Canterbury haben die Erlösung mit Kreuz und Folter verbunden, nach dieser Lehre hat Gott seinen Sohn nicht geschont und erst durch die Auferstehung im Nachhinein wieder alles in Ordnung gebracht. Das ist ein schlüssiges Bild angesichts des Gewaltdenkens, in dem Folter und Tod ein notwendiges Druckmittel sind, um die Moral der Menschen aufrecht zu erhalten, wie es die Despoten der Antike vorexerziert haben, es kann aber für uns kein Heilmittel mehr sein, weil es Gott noch immer in der Rolle des antiken Potentanten belässt, dessen Wohl und dessen Ehre im Mittelpunkt steht. Der Vater, den Jesus zumindest in einigen Gleichnissen vor Augen hat, braucht das nicht, der steht sehnsüchtig am Hügel seines Anwesens und schaut in die Ferne, ob sein Sohn nicht bald zurückkommt. Und der kommt, aus eigenem Antrieb, weil er sich geliebt weiß. Trotz allem.

Wie weit wir davon weg sind, zeigen uns unsere gewaltverhafteten Bilder, die uns allüberall begleiten, die Kreuze und die Folterszenen der Kreuzwege, die sieben Schwerter, die die Madonna durchbohren, die Heiligendarstellungen mit allen grässlichen Details, Kirchen gleichen mittelalterlichen Schreckenskammern. Und wir sehen das nicht mehr, weil es uns in Fleisch und Blut übergegangen ist, ja selbst im Innersten, im Intimsten unserer Gottesbegegnung, in der Communio mit Gott kommen wir nicht ohne diese Metaphern vom hingeopferten Gottessohn aus. Gnade uns Gott, um in dieser Sprachwelt zu bleiben.

(16 .2. 2016)

Mit dem Programm Google-Earth und einer Zeitmaschine zoomt einer, der nicht müde wird, auch die andere Seite einer Münze zu betrachten, auf Palästina in den 30er-Jahren n. Chr.

Ein Mann wandert von Nazaret an den See Genesaret, er trifft in Magdala/Taricheä am Ausgang des Taubentales, Mirjam, die kluge Frau. Sie begleitet ihn nach Kapernaum

Und nach und nach, einzeln und in kleinen Gruppen schließen sich ihnen Fischer und Zöllner, Arbeitslose, begüterte Frauen, Sklavinnen und Prostituierte an

Wie aus dem Nichts ist er erschienen, herausgetreten aus dem Schatten des glutäugigen Untergangspropheten Jochanan

Es ist besser, sagt er, den Kopf hinzuhalten als Schläge auszuteilen

Es ist besser, arm zu sein als an seiner Gier zu ersticken

Es ist besser, barmherzig zu sein als den Nachbarn in den Schuldturm zu stecken

Der Mann bleibt stehen, um mit einem Bettler zu reden

er grüßt Blinde schon von weitem, damit sie wissen, mit wem sie es zu tun haben,

für die Aussätzigen hat er ein Brot in der Tasche

Der Mann ist ein Wanderprediger

Merkwürdiges gibt er von sich

er redet vom Ausreißen des Auges, bevor es zum Ärgernis verleitet

man solle die Toten ihre Toten begraben lassen

dem Kaiser geben was des Kaisers ist

er redet vom Ernstnehmen des Gesetzes

und vom Übertreten, wenn es den Menschen knechtet

von Feindesliebe und vom Hinhalten der Wange

den Tempelpriestern traut er nicht, sie schauen nur auf ihr eigenes Gerstl, sagt er,

die blutigen Opfer seien dem Gott ein Gräuel

der Gott wolle Barmherzigkeit und nicht Opfer

Du schaffst es, sagt er zu einem, der nicht mehr aus und ein weiß

schau auf, lass den Kopf nicht hängen zu einer, die blind in ihr Verderben rennt

steh auf du Faulpelz, sei nicht so wehleidig – oder so ähnlich halt

Die Leute rennen ihm nach

treten ihm die Türen ein

wie der einen anschaut

unerhört, wie der redet,

endlich einer, der es den Großkopferten hineinsagt,

einer, der uns versteht

einer, der uns ernst nimmt

ein Heros geht durch das Land meinen Griechen

ein Prophet, Elias ist wiedergekommen

das ist endlich der Messias, der die Römer verjagen wird

so reden Juden

Hosanna dem Sohne Davids jubeln sie

dann aber geht es ihm an den Kragen

die Priester hetzen die Römer auf

und diese machen kurzen Prozess

ans Kreuz mit ihm

foltern hämmern stechen ihm die Seele aus dem Leib

und in die Grube werfen ihn die Henkersknechte

von Fieberschauern geschüttelt

verlassen die letzten Getreuen den Galgenberg

Erscheinungen Halluzinationen Träume

jeder erlebt was anderes

vierzig Tage dauert das Außersichsein

es darf einfach nicht das Ende gewesen sein

eine spricht es aus: er lebt

ich hab ihn gesehen: er lebt

von Mund zu Mund

die Gerüchtewelle schwappt über

und dann hören die Visionen auf

aber der Infektionsherd sitzt tief drinnen

glühende Schauer Herzrasen

jedes Wort wird lebendig

weißt du noch

erinnerst du dich

die Blinden

die Tochter des Jairus

der Sklave des Hauptmanns

Zachäus

wie ein Vater ist der Gott

erinnerst du dich

er hat ihn als seinen Papa bezeichnet

die Liebe überwindet das Böse

Gott ist die Liebe

darauf einigen sie sich

als Kurzformel für ihre Predigten

überall im Land sind sie unterwegs

es werden immer mehr

die ganze Welt überfluten sie

ein Strahlen ging von ihm aus

ein Leuchten

die Frauen

die Sklaven

die kleinen Leute tragen

diese unerhörten Gedanken weiter

und es hörte nicht auf

der Mann wurde nicht vergessen

im Gegenteil

man hat ihn in den Himmel erhoben

an die Seite des Gottes gesetzt

weil sie spürten

worauf es ankommt

an ihm ist den Leuten der Knopf aufgegangen

urplötzlich wussten sie

es ist das Herz

und nicht der Verstand

mit dem Herzen muss man schauen

vom Zoom geht er in die Totale des Jetzt

aus der Traum

schau dir die Welt an

was haben sie aus den Anliegen des Wanderpredigers gemacht

wo du hinschaust

die Kirchengeschichte ein Albtraum

die Welt versinkt im Chaos

überall

Korruption Betrug Mobbing

oder muss der Blick doch noch einmal gewendet

und müssen die einzelnen ins Visier genommen werden?

hat sich nicht ein Lichterteppich über die Welt gebreitet

schau in die Palliativstationen

schau an die pflegenden Angehörigen

die freiwilligen HelferInnen überall an den Grenzen

die Kritischen, die auf gerechte Sprache achten

die UmweltaktivistInnen die sich um Nachhaltigkeit bemühen

die Konsumverweigernden wegen des Tierleids

schau sie an

alle die schwarze Pädagogik ablehnen

alle die Rassismus und Fremdenfeindlichkeit anprangern

alle die z. B. Esel, Ziegen und Schweine kaufen für die Menschen in Afrika

die Kranke besuchen und Trauernde trösten

die mitleiden und solidarisch sind

schau hin

die Welt ist nachweislich besser geworden

sag an

was meinst du?

steckt da nicht auch der Mann aus Nazaret dahinter?

Und dazu muss man nicht an Gott glauben

Ja, dazu muss man gar nicht an Gott glauben

Nachdenklich schließt er Google Earth.

Der Lichterteppich geht ihm nicht aus dem Sinn.

(15. 12. 2015; Erika Horn gewidmet (1918 – 2015)

Mein Glaube ist Vertrauen.

Ich kann nicht glauben, dass Gott seinen Sohn wegen unserer Sünden am Kreuz hat sterben lassen, ihn für uns hingeopfert hat. So ein Gottesbild fußt auf einer feudalen Gesellschaftsordnung: da der Gottkönig, dort alle anderen, die ihm zu Füßen liegen – wehe, einer von den Untertanen wagt es, den „Allmächtigen“ zu beleidigen, er kann nur durch seinesgleichen versöhnt werden, z.B. durch seinen Sohn, wie dies der Kirchenlehrer Anselm von Canterbury so folgenreich entwickelt hat
So, jetzt ist es heraußen, mein – und nicht nur mein – Unbehagen über ein weithin verbreitetes Gottesbild muss erst zur Sprache kommen, bevor ich von meinem Glauben reden kann.
Ergänzen will ich, dass ich alle Artikel des Glaubensbekenntnisses mitbeten kann, weil ich diese Sätze als Teile eines mythischen Weltbildes sehe, das ich gut akzeptieren kann, weil ich ja kein geschichtsloser Mensch bin. Es sind Aussagen, die mir von weit her an die Ohren dringen, mit meinem Leben etwas zu tun haben, weil ich in dieser religiösen Welt groß geworden bin. (Unter Mythos verstehe ich alle Aussagen, die Gott in menschlichen Bildern und Begriffen schildern, z.B. dass er einen Sohn hat, dass er wie ein Mensch denkt, dass er beleidigt sein kann oder ein unersättliches Bedürfnis nach Gelobtwerden hat. Ein Mythos versucht zu erklären, was sich zwischen Himmel und Erde ereignet.)
Mein Anliegen ist es, Gott vor den Bildern zu „retten“, die es heutigen Menschen oft verunmöglichen, an Gott zu glauben. Denn was Gott wirklich ist und bedeutet, ist uns unmöglich zu sagen, mit jeder Aussage über ihn sperren wir Gott in unseren Denkkäfig ein und machen aus Gott einen uns zur Verfügung stehenden Götzen.
Nach diesen – nur angedeuteten – Feststellungen muss ich endlich meinen Glauben auf den Punkt bringen: Der Mann aus Nazaret, der von Gott ergriffene Wanderprediger hat für mich in seinem Gleichnis vom barmherzigen Vater (herkömmlich das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lk 15, 11-32) die Welt verändernde Botschaft verkündet: Gott ist wie ein Vater, der sehnsüchtig auf seinen Sohn wartet, der in die Welt hinaus gezogen ist, sich dort zu verwirklichen suchte, gescheitert ist und nun heimkehrt, das Erbteil ist den Bach hinunter, nach menschlichem Ermessen wird es Hiebe setzen, er macht sich auf Demütigung und ein langwieriges Entschuldungsverfahren gefasst. Nichts davon. Es gibt ein Freudenfest, ein himmlisches Gastmahl.
An den Gott, der in diesem Bild ausgedrückt ist, glaube ich mit Herz, Mund und Händen, an den Gott, der Liebe ist. Dass diese Liebe die Welt zum Guten verändern kann, das ist Jesu Botschaft. Wenn wir uns darauf einlassen, werden wir Himmel erleben, hier und jenseits des Horizonts, aber wie das sein wird, wissen wir nicht. Es steht uns gut an, nicht alles zu wissen, auch nicht über den Sinn des Kreuzestodes Jesu. Glaubend hänge ich an den Lippen des Menschensohnes. Mein Glaube ist Vertrauen in die Kraft der göttlichen Liebe, die in allen Menschen guten Willens am Werk ist.

 

(14. April 2012)
Die Bibel macht mir zunehmend Probleme. Es gibt kaum eine Stelle – auch im Neuen Testament – die nicht im Laufe der Tradition so überformt wurde, dass der ursprüngliche Sinn völlig verändert wurde. Dazu kommt die ständige „schwarze Pädagogik“, die mit fürchterlichen Strafen, im NT vor allem im Jenseits, droht und so die Menschen bei der Stange halten will, weil die Priester die Macht über die Sündenvergebung an sich gezogen haben.
Aber besonders die Hinrichtung Jesu, dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei, dass Gott seinen eigenen Sohn nicht geschont habe, um uns von unseren Sünden zu erlösen macht mir Probleme. Da steckt ein fürchterliches Gottesbild dahinter! Ich verstehe schon, dass die ersten Christinnen und Christen mit dem Fluchtod am Kreuz nichts anfangen konnten und nach einer Deutung suchten. Dass dann die Erbsündenlehre entwickelt wurde um eine Begründung für die Sündenverfallenheit der Menschen zu haben, das ist für mich ein Sündenfall, der bis heute schreckliche Folgen gezeitigt hat.
Völlig in den Hintergrund tritt dadurch die eigentliche „Erlösung“, die Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Vater gegeben hat: Gott ist nicht der opfergierige Patriarch, der seine Kinder klein hält, damit seine größe umso deutlicher erscheint, Gott ist kein Blockwart, der jedes kleine Delikt sofort ahndet. Das ist die jesuanische Botschaft schlechthin, auch wenn Jesus selbst als Kind seiner Zeit immer wieder in die schwarze Pädagogik verfällt und von der Urkirche als der Richter an die Seite Gottes gesetzt wird.
(2011)

Für mich gibt es Meilensteine in meinem religiösen und theologischen Leben, dazu gehören Begegnungen mit Menschen (ich denke an die Sommerwoche zum „Vaterunser“ im Bildungshaus Mariatrost mit Bruder David Steindl-Rast, an die christlich-jüdischen Bibelwochen, an die theologischen Tagungen mit Georg Baudler, Manfred Görg, ich denke an Dorothee Sölle, an Peter Trummer u.v.a.) und wichtige Bücher. Ich bin ein Büchermensch und kann mich – bis zur Unkenntlichkeit unterstreichend und Notizen machend, in ein Buch versenken. Zumeist bleiben mir nur ganz wenige konkrete Aussagen im Gedächtnis, ich sehe mich auf einem riesigen Strom getragen und geleitet, auch wenn die Menschen, Kathedralen und Städte nur undeutlich in Erinnerung bleiben, ich will mich nirgends auf Dauer einrichten, zu sehr bewegen mich neue Erkenntnisse, zu sehr bin ich unterwegs. Wohin die Reise geht, weiß ich nicht, ob am Ende meines Lebens eine liebende Gottheit, die mich in die Arme nimmt, oder die ewige Ruhe steht (die christliche Begräbnisliturgie redet ja ganz ungeniert von der ewigen Ruhe als Wunsch für die Verstorbenen, das fällt scheint es, niemandem auf…), ich bin offen für beide Optionen, andere gibt es ja nicht.

Von der Lektüre des Buches von Klaus-Peter Jörns „Notwendige Abschiede – Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum“(Gütersloher Verlagshaus 2006, inzwischen in 5. Aufl. erschienen) möchte ich in einigen Schritten berichten. Mir war Jörns schon durch das Buch „Glaubwürdig von Gott reden“ (2009, Radius-Verlag) bekannt, es war gleichsam die Hinführung auf dieses Werk.

Jörns ist evangelischer Theologe (*1939), zuletzt Professor für praktische Theologie und Leiter des Instituts für Religionssoziologie in Berlin. Will man das Werk in wenigen Worten vorstellen, so geht es darin z. B. um die These, dass alle Religionen Anteil an der Offenbarung Gottes haben und das Christentum (auch nicht das Judentum und der Islam) darin keine Sonderstellung einnimmt. Wenn en Gott als Schöpfer des ganzen Kosmos geglaubt wird, dann sind alle Religionen von Gott gewollt und stellen authentische Heilswege dar. Es geht also um den Abschied von der Sonderstellung des Christentums. Es geht auch um den Abschied von der Vorstellung, dass die Bibel ein einheitliches Werk sei und die Offenbarung mit ihr abgeschlossen sei. Die Bibel ist eine Sammlung höchst pluraler Gotteserfahrungen und zeigt eher die Wege und Irrwege auf, die das Volk Israel und das Christentum gegangen sind. Ein wichtiges Anliegen ist Jörns der Gesamtzusammenhang der Schöpfung, in der der Mensch sich die Krone aufgesetzt hat und die Mitgeschöpfe unterdrückt. Dieses Plädoyer für Tiere als geistbegabte Wesen eröffnet ein weites Feld im Hinblick auf unsere Essgewohnheiten. Schließlich geht es Jörns um den Abschied von einer Sühneopfertheologie, das ist wohl sein Hauptanliegen. Angefangen von einer unheilvollen Erbsündenlehre (die Menschen waren von Anfang an so, wie sie auch heute sind und „es war gut so“) gipfeln die Missverständnisse in der Interpretation der Hinrichtung Jesu als ein von Gott gewolltes Menschenopfer, das Gott in den Strudel menschlicher Gewalt hineinzieht. „Gott ist Liebe“ – das ist die „erlösende“ Botschaft und das Gleichnis vom barmherzigen Vater ist das neue Paradigma dazu. Das Kreuz als christliches Symbol kann für die Bereitschaft stehen, die Liebe Gottes auch durch den radikalen Verzicht auf Gewalt und die Fähigkeit, dafür zu leiden, zu bezeugen (356).