neue … und ältere gedichte

Inhalt:

neue gedichte

  • Tauben
  • Mythos
  • Anti-Mythos
  • Gott
  • paradise lost
  • tabula rasa
  • Von fern
  • messe für kontrabass

… und einige ältere

  • kalender für alle fälle
  • griechische wege
  • karls r. käppchen
  • unter dem eis überleben die fische (auswahl)
  • sprachzeiten

neue gedichte

 

tauben
wenns nur drin bleiben tatn
im taubnkobl
diese mistviecher
scheißn das ganze trottoir voll
man weiß ja nicht
welche krankheiten
friednstaubn
hearts ma auf
mit dem gurrenden vogel der liebe
ja turtln und vögln tuns
diese bazillnbomber
biszangehtnichtmehr
scheißviecha verdammte  

 

Mythos

 

Apoll verfolgt

Götter kennen kein Pardon

die jungfräuliche

Daphne sucht in

erstarrender Verholzung

ihr Heil

 

Zeus als

Schwan Goldregen Stier etc.

verführt

& schwängert

Niobe Io Danae Leda

Aigina Kallisto etc.

 

das blutjunge Mädchen aus Nazaret

hatte noch keinen Mann

im Bett

als sie ein Engel höflich fragt

ob es sich mit Gott

einlassen wolle

 

Anti-Mythos

 

Marias Verlobter

lässt die schwangere

Mädchenfrau

nicht sitzen

 

dass Gott die Hand

im Spiel hatte

will er glauben

 

Hut ab

vor Josef

 

der Sohn

konnte mit Josef

nicht viel anfangen

 

er strebte

nach Höherem

 

irgend etwas stimmt nicht

in dieser Familie

 

(Jänner 2014)

Gott

 

Ich halte mich

so lange ich es brauche

an dich

 

als Sinnkonstrukt

als Mikrophon

in das ich meinen Dank

für mein Leben spreche

 

als Toprope-Sicherung

bis ich frei klettern kann

einmal sollte es mir gelingen

 

– zu deiner Freude

 

paradise lost

1

es wird nicht mehr

meine welt sein

erde bedeckt mich

ein besuchspunkt mein grab

im alphabet der lebenden

bloß eine lücke

requiescat in pace

 

mich kann niemand mehr

zur verantwortung ziehen

wegen hoher cäsiumwerte

ich war gegen atomkraftwerke

habe aber auf großem fuß

in einer heilen welt gelebt

und viel energie verbraucht

mir so viel leisten können

in meinem bonsaigarten

des kleinen glücks

 

knarrende geigerzähler

katastrophenalarm

bombenangriffe

blieben mir erspart

 

es wird abend und morgen

sommer kommen und gehen

bis die natur sich erschöpft

burnout

 

2

das wird nicht mehr

meine welt sein

 

ich bin geflüchtet

stelle mich tot

lasse mich fallen

bleibe liegen

irgendwo

unendlich lang

zerfalle in moleküle

gesäuberte bündel

ohne schuld und erinnerung

die wieder gebraucht werden

in künftigen zeiten

zum aufbau neuer

komplexer strukturen

mit bewusstseinsoption

 

und es wird wieder beginnen

das sehnen und fürchten

das anklopfen und aushorchen

das versteckspiel mit dem risiko

nie gefunden zu werden

 

 

tabula rasa

 

den schlussstrich ziehen

gleich am anfang

 

es ist nichts

außerhalb unserer welt

 

alles ist erträumt

erfunden und ersponnen

 

gott ist eine kopfgeburt

 

(ephräm der syrer vermutet

gott sei uns zu ohren gekommen)

 

das bauchweh

kommt vom herzen

 

(4märz011)

 

Von fern

 

Von fern

aus derTiefe

in der Herzgrube

 

ein leiser Ton

ein Hauch

eine Anmutung

 

innehalten

eine Ahnung

Herzrhythmuswechsel

 

weil das Wort Hoffnung

existiert

weil das Unmögliche sagbar ist

 

Es ist nicht ausgemacht

dass der Tod das letzte Wort hat

 

weil es sinnvoll ist

zu flüstern

Himmel auf Erden

 

kein lautes Getön

kein Sieger führt die Scharen

kein Triumphgeheul

 

 

messe für kontrabass

(inspiration: peter n. gruber )

 

in dieser nacht

der unkenrufe

der wahrheit stand halten

 

introitus

 

einzug der ministranten

es sind die priester

ab handen

 

in dieser nacht

still still still

(weil der lechner spielen will)

 

kyrie

 

im ostinato

wissen wir nicht mehr

was gilt in diesen zeiten

 

hoffnungslos

rien ne va plus

wir sind am ende

 

die angst greift

gnadenlos

an die gurgel

 

was es wiegt

das hat es

erbarmungslos

 

pardon nicht gegeben

der preußen gott

lebt in uns weiter

 

in dieser nacht

wird die erinnerung

zur tretmine

 

wir

werden

weiter marschieren

 

in dieser nacht

ist die wahrheit

ein rosa winkel

 

ich habe gesündigt

in gedanken

worten und werken

 

hasenöhrl

mit gipfelkreuz

sei dein name

 

oder gantenbein

rufe ich

aus der tiefe

 

aber dort ist

niemand

kyrie eleison

 

elend und not

die großen wörter

nieder treten

 

ausreißen

ins feuer werfen

am karsamstag

 

wenn

brauchtumsfeuer

erlaubt sind

 

gloria

 

wer tastet mich an

wer leugnet meine größe

wer ist wie ich

 

göttin

sei gepriesen

kosmische kraft

 

sei gepriesen

tiefe der tiefe

du

 

sei gepriesen

mein ich

das dich schafft

 

du der du

am kreuz verreckst

nie verklingender ton

 

sei gepriesen

du hauch

von frühling

 

das sonder angebet

vom tage

lasset uns beten

 

lesung und evangelium

 

weil wir brüder sind

empfehlen sich

die schwestern

 

37 sekunden

leerrille

das ist kein fehler

 

die heiligen worte

werden heute

verschwiegen

 

weihrauch

akolythen

und das evangeliar

 

großmächtig

die letzte trumpfkarte

aufs holz geknallt

 

die kleinen mädchen

die herzigen buben

und der raue diakon

 

als kaiser

rotbart lobesam

ins heilige land

 

gezogen kam

in jener zeit

zu sharon und arafat

 

gegentod fideldum

himmelmutter und faun

und der kontrabass

 

fiedeldum fideldum

die zeit ist um

die zeit ist um

 

 

fideldum

dumdumdum

und um

 

predigt

 

in dieser nacht

hat die wahrheit

sich erhängt

 

erwürgte sich

in den verwirrenden fäden

der umsponnenen tatbestände

 

in dieser nacht

sei du mir schirm

und wacht

 

credo

 

glauben und glauben lassen

wer fürchtet sich

vorm schwarzen mann

 

die teufel

tragen heute

ihre hörner innen

 

in der nacht der nächte

fallen sternschnuppen

verglühen ideale

 

die heißen umarmungen

et incarnatus est

in falschen betten

 

aber nein

aus den himmeln

steigt herab

 

holt sich aus der gosse

nicht

aus den palästen

 

wer nur

den lieben gott

lässt walten

 

und so weiter

so weit ich

denken kann

 

denke ich

gott

so weit ich

 

denken kann

nizäno-

konstantinopolitanisch

 

aber nieder knien

will ich

nicht mehr

 

byzantinisches

hofzeremoniell

verachte ich

 

gott denke ich

gott ist keine

gottesanbeterin

 

letzten endes

kommt heraus

er ist wie wir

 

durch uns

und

mit uns

 

seine sehnsucht

reißt

die himmel auf

 

in nazaret

und anderswo

sind engel unterwegs

 

es nistet sich ein

das kind

kosmischer hochzeiten

 

blutig endet

erkenntnis

am ende

 

 

fürbitten

 

eine straße bauen

von timbuktu

nach kiruna

 

ein kinderspiel

von jericho

nach jerusalem

 

ist eine herausforderung

das kidrontal ist

einen steinwurf breit

 

lasset uns

einen turm bauen

bis in den himmel

 

der nicht im

ground zero

endet

 

dass wir dich

aus den augen verlieren

bitten wir

 

dass wir

dich vergessen

bitten wir

 

dass wir

dich überhören

bitten wir

 

lasst uns

alle dateien

löschen

 

dich

von den wänden

kratzen

 

eilen wir

zu den therapeuten

erlöst uns

 

von allem übel

nicht fernerhin

verelende uns gott

 

gabenbereitung

 

weit weit weit

strecke ich

meine hände aus

 

in dieser nacht

fällt die erinnerung

der amnesie zum opfer

 

mit leeren händen

preise ich dich

mein leben

 

präfation

 

einleitend

wird wahrheit

beteuert

 

menschen würde

minus

anfang und ende

 

an den grenzen

wachen

argusaugen

 

die schleier

so will es das gesetz

müssen fallen

 

das köpferollen

beginnt

in den köpfen

 

bereitet

dem herrn

den weg

 

odysseus und kirke

daphnis und chloe

amor und psyche

 

paarweise

die einsamkeit

austreiben

 

ein klagelied

lasst uns anstimmen

über diese nacht

 

sanctus

 

als der mann

die frau küsste

schuppten seine augen

 

liebe

ist ein nichts

das alles werden will

 

ach dass ich dich

so spät erkannte

du hochgelobte

 

in jener nacht

wurde die erinnerung

amnestiert

 

hochgebet

 

in der sorge

um den rechten glauben

werden linkshänder diskriminiert

 

pain and pleasure

aus der tiefe

steigen nebel

 

wandlung

 

brot kann

nicht mehr unbefangen

gegessen werden

 

der mensch

ist gottes

nährboden

 

in ihm west

kommt er

ans licht

 

mit haut und haar

den menschen

ausgeliefert

 

gejätet ausgerissen

gedeiht nichts anderes

verkarstet

 

in den seelenlöchern

hausen

fledermäuse

 

blutsauger sind wir

untotes

nächtliches gesindel

 

dreschen wir auf

den tintenfisch ein

waschen ihn aus

 

hängen ihn

zum trocknen

auf den baum

 

christus vincit

regnat imperat

christus triumphat

 

müsste

vor dem herren

schamrot werden

 

in die unterste unterwelt

in die kellerverliese

hat er sich verschloffen

 

um ihn zu finden

müssten wir uns

tief beugen

 

tiefer als

je ein mensch

sich gebeugt hat

 

ergeben hat er sich

das kesseltreiben

hat ein ende

 

ausgeliefert

unseren phantasien

eine null vor dem komma

 

loserpoesie

trash

sonder müll

 

vater unser

 

auf den zehenspitzen

meiner sehnsucht

balanziere ich

 

halte ausschau

nach dir

mein gott

 

tauche in die ozeane

suche den leviathan

mit dem du spieltest

 

im österlichen zeitfenster

berechne ich die flugbahnen

möglicher himmelfahrten

 

grabe mich

durch verschüttete zugänge

in mein herz

 

der mund

ist mir verklebt

die kehle eingetrocknet

 

ich bettle

um den erlösenden

luftröhrenschnitt

 

der mich

vor dem ersticken

rettet

 

friedensgruß

 

händeschütteln

verhindert erfolgreich

umarmen

 

 

agnus dei

 

fesseln

messer wetzen

beile schwingen

 

trainingsziel

göttliches

wohlgefallen

 

fleisch hauen

schächten

schlachten

 

opfer

verlangen

opfer

 

seht

der gaukler gottes

tanzt nicht mehr

 

ein kreuzschatten

fällt

über die welt

 

kommunion

 

von meinem brot

darfst du

nicht essen

 

wer seine seele

knechtet

wird gewürdigt

 

bettler werden

mit ein paar münzen

abgespeist

 

ach wie gut

dass niemand weiß

von dieser nacht

 

was bleibt

ist ein schaler

nachtgeschmack

 

segen

 

mögest du

unseren umkreisungen

gewogen sein

 

auf den dunklen seiten

keine sternschnuppe

kein verglühter stern

 

uns erschlagen

mögen die computer

richtig rechnen

 

und die sonnensegel

sich entfalten

die luft zum atmen reichen

 

kümmere dich bitte

um diese kleinigkeiten

da draußen

 

zwar können wir

uns schon

selbst hinausschießen

 

übers ziel

aber retten

nicht

 

schluss

 

mit wehenden fahnen

den himmel in den händen

bei allen wettern

 

ohne esel geraten

prozessionen leicht

zu demonstrationen

 

im morgendämmer

verkriechen sich

nächtliche phantasmen

 

mit kreuzstichen

nähen wir unentwegt

an unserem leichentuch

 

früher konnten sie nicht aufhören

mit dem flehen und danken

heute ist alles endenwollend

 

… und einige ältere 

kalender für alle fälle

jänner

auch heuer wieder

silvesterraketen

sekt

sternsinger

verdeckt

im kartenstapel

vielleicht

irgendwo ein joker

feber

das zottelfell

meiner verkleidungen

trage ich

innen

die männer beginnen

den frieden zu hassen

märz

die verheißungen

hören nicht auf

im zeichen

der fische

april

schwanger

mit sommer

und stürmischen

zwischenspielen

die männer ziehen

in den krieg

mai

lauf mir nicht

über den weg

mädchenfrau

ich weiß nicht

ob wir diesmal

ungeschoren

davonkämen

juni

die schöne schäferin

wiegt ihr kindlein

städte werden belagert

in den schützengräben

bellen die gewehre

juli

hoch zeit

der mut zum weiten weg

im schatten

rasten die hirten

stilles einverständnis

der engel

august

auf den gipfeln

neigt sich unmerklich

jeder abstieg

abschied und sterben

das jahr

september

spürt

versäumten

gelegenheiten nach

die schwermut

nicht eingelöster

versprechen

oktober

ein gruppenbild

ein buntes bilderbuch

ein lächeln

behalt mich lieb

november

kathrein

stellt den tanz ein

die friedensverhandlungen

beginnen

dezember

die hirten

werden fromm

neigen ihre knie

jedes grab

wird zur krippe

(1994)

 

 

 griechische wege

(1)

du fragst warum ich

ariadne medea

harmonia kirke

so zufrieden mit dir

 

theseus jason

kadmos odysseus

zusammenleben kann

ich mag dich

 

metis themis eurynome

demeter leto dione

maia alkmene semele

danae leda antiope

 

taygete aigina kallisto

und hera hera hera

weil du klug

und zärtlich bist

 

(2)

mein griechenland

ist schwer

zu entziffern

zweiseitig beschrieben

 

durch dünndruckpapier

scheinen die buchstaben

worte kann ich noch lesen

aber nicht mehr aussprechen

 

die alten göttinnen

erobert sich zeus

lockt sie

in seinen olymp

 

maria margareta

magdalena sophia

funkeln für mich

am firmament

 

(3)

über die berge

wandert

die myrthenbekränzte

zu anchises dem hirten

 

laß es abend werden

in der nacht

darf ich dich hoffen

wange an wange

 

leise

auf zehenspitzen wohl

hast du mich verlassen

das leere bett am morgen

 

(4)

ins wasser

kehren wir zurück

zu den tanzenden

spielenden meermenschen

 

ad usum delphini

erzähle ich dir

eine jugendfreie

geschichte

 

mit unseren leibern

flechten wir

bänder

verstricken uns

 

unsere geschwister

aus dem paradies

delphine leben

was wir uns verbieten

 

(5)

sandalenlösende nike

geflügeltes weibchen

dir erblühen

jugendliche brüste

 

du summst

für mich sto perigiali

im plattengeschäft

deshalb mag ich dich

 

du klammerst dich

an mich

weil der held in mir

die insel erobert

 

mit den wegen

verwachsen

die geschichten

der götter

 

im gestrüpp unter dornen

der gesang im feuerofen

todesahnungen

keine angst hab vertrauen

 

(6)

aus der anderen welt

schauen die heiligen

ikonen

unserer strengen träume

 

ariadne indessen

sitzt an der bar

mit viel wasser

mag sie den ouzo

 

auf der heiligen straße

pilgern wir

zu hera zu maria

kindlich fromm

 

mauerreste bruchstücke

geborstene säulen

unerträglich

wäre das unversehrte

 

(7)

an bord des schiffes

auswendig lernen

wo aber gefahr ist wächst

das rettende auch

 

die dornen

der nachtblühenden

reißen telekinetisch

ein herz auf

 

durch alle tore

stürmen

mit gesenkten hörnern

stiere

 

vor einem kafenion

mit den männern sitzen

jede vorbeigehende

könnte es sein

 

wer wird als frau

denn schon geboren

man wird zur frau

doch erst gemacht

 

(8)

meine mauern

hast du zertrümmert

wehrlos

liege ich vor dir

 

du zeigst mir immer

daß es möglich ist

ganz frau und

trotzdem frei zu sein

 

salzverkrustet

wache ich auf

reibe mir die augen

wo bin ich gelandet

 

nausikaa

wirft den ball

nackt

stehe ich vor ihr

 

beschwerlich

sind die wege

zurück

in die heimat

 

(9)

in trümmern liegt

aber in den höhlen

flüstern mir nymphen

ein ganzer glaube

 

der poet in mir

denkt psyche

zu eros

ist kein christ

 

spielball bin ich

wenn aphrodite

und hera streiten

ihrer wünsche

 

(10)

der tod

wird nicht mehr sein

schreibt der alte

in der grotte

 

tröstliches

verheißt er

was früher war

ist vergangen

 

der nonne auf dem berg

bist du willkommen

alle wege

enden in der kirche

 

unter dem kreuz aber

schau genau hin

stehen clotho

lachesis und atropos

 

(11)

mein herz

ein schmetterling

zittert

in der schmerzkälte

 

ich erhoffe nichts

mein leib

zerschnitten

durchwühlt

 

ich fürchte nichts

der geflügelte

geleitet mich

über die abgründe

 

ich bin frei

spiel mir

das adagio KV 622

ich werde geborgen sein

 

(12)

ins abendrot

segelt kassandra

aminte liegt

hinter mykene

 

auch du

blickst

der sonne nach

in die ewigkeit

 

und ersinnst

für ödipus

was ist der mensch

ein neues rätsel

 

Zitate: G.Seferis, A. Heller, F. Hölderlin, Apokalypse d. Johannes, N. Kazantsakis.

(1992)

 

 

karla r. käppchen

es war gottseidank nur ein alptraum

in dem ich meine erste regel bekommen hatte

die mutter war besorgt

wie alle mütter

seit ihnen im paradies schürzchen gefertigt worden waren

haben sie nichts anderes im kopf

als um das darunter verborgene

das knospende der töchter besorgt zu sein

kuchen und wein

träumte mir hätte ich geantwortet

als er mich fragte was ich da so im körbchen hätte

dabei war ich nicht ganz ehrlich

nicht einmal im traum gelingt es mir

lass die flasche nicht fallen hatte die mutter gemahnt

aber von meinem roten mützchen hatte er wohl nichts geahnt

sondern sich insgeheim gedacht

er könne aus der flasche köstlichen wein schlürfen

wie lieb er mir die plätze mit den schönsten blumen beschrieb

und von der vögel fröhlichem gesang zwitscherte

er will mich pflücken dachte ich mir insgeheim

und bin nicht einmal rot geworden bei dieser vorstellung

aber als er sich trollte war ich enttäuscht

und habe einem gänseblümchen die blütenblätter gezupft

er will mich er will mich nicht er will mich

aber wo ist er nur hin

was blieb mir als zur großmutter zu wandern

wie es sich gehört

hatte sie mir doch seinerzeit das märchen

von dieser naiven göre erzählt

insgeheim hoffte ich doch

ihn bei ihr zu treffen

er hat sich den weg ja von mir so ausführlich erklären lassen

vielleicht hat er kreide gefressen

labert ihr was vor

trinkt mit ihr ein paar gläser

seit der großvater sich aus dem staub gemacht hat

sagt sie dem roten zu

ein bettchen ist allemal bequemer

dachte ich schlimmes kind mir

im traum natürlich

die tür war offen

aus dem zimmer war lautes schnarchen zu hören

aber omi wieso hast du so große ohren

damit ich dich besser hören kann

aber omi wieso hast du so – –

hör doch auf mit dem kindischen scheiß

komm ins bett

da habe ich das geladene gewehr gesehen

und es ist mir ganz schwindlig geworden

ich bin doch heute das rotkäppchen

schweißgebadet erwachte ich

eingewickelt verheddert in der decke

wolfi hat mich auswickeln müssen

danke mein jägersmann

flüsterte ich

(2007)

 Fische_blauerR_klein

unter dem eis überleben die fische

(einige texte zum kennenlernen)

 

(16)

heimatvertrieben

auf der langen winterreise

gefährtenlos

verweht des wildes tritte

 

taumeln wir

aufrecht kaun

hält rechthaberisch

uns

 

will kein gott auf erden sein

sind wir selber götter

die ständige wiederholung

dieses satzes

 

(20)

 

ich schreibe dich

in mein herz

 

lausche den geschichten

aus jungmädchentagen

 

ahne das lustige kind

hinter ernsthaften gebärden

 

erinnere schlaftrunkene körperwärme

morgentaublicke heublumenhaar

 

male mir auf vergilbten fotos

deine liebe aus

 

sehe dich älter werden

an der größe der kinder

 

kritzle schmetterlingsflügel

um sorgsam verheimlichte falten

 

verziere mit dem klang deiner stimme

die gesten tröstender hände

 

wort für wort

buchstabiere ich dich

 

zwischen den zeilen

lese ich mich

 

 

(30)

 

die zigarette erloschen

kippt aus dem aschenbecher

 

im weinglas

ermattet eine fliege

 

eingetrocknete kaffeetropfen

lippenstiftreste auf der tasse

 

verstohlen ein blick auf die uhr

ich muss gehen

 

 

(46)

 

mit dem unglauben

kommt das denken

 

die stimme wird klarer

die tänze fallen sich ins wort

 

don giovanni zweifelt nicht

es lebe die freiheit

 

wenn du entschwindest

bleibt leere sagen die priester

 

ich erfinde dich neu

DU mein windhauch

 

 

sprachzeiten

(vollständige fassung)

1

als ich reden lernte

trug die sprache

die männerkleider

der trümmerfrauen

in zerschlissenen brotbeuteln

schimmelten

die lebkuchenlieder

der meistersinger

den maulhelden willfährig

lag die geschändete noch

verlaust verseucht

in quarantäne

stolz

kein anderes adjektiv

fiel ihr mehr zu trauer ein

schwor sie ab

niemals wieder

beteuerte sie

und schämte sich

ihrer reime

2

deklinieren lernte ich

auf frühjahrsäckern

auch der starke vater

beugte sich beim pflügen

den imperativ

begriff ich im sommer

tu weiter bub

ein gewitter kommt

in der maisschälsprache

erzählte er mir herbstgeschichten

in reflexen verben

träume ich mich in sein leben

beim schnapsbrennen

auf der küchenbank

studierte ich

seine überlebensgrammatik

3

in der schule

erklärte man mir

auch wörter

haben ein geschlecht

der lehrerin

brachte ich hasenfutter

der pfarrer

zog uns die ohren lang

heimlich

in kammerspielen

übten wir

konjugieren

4

was man uns angetan hat

die bomben die besatzung der russ

aber wir bauen unser geliebtes

vaterland wieder auf

österreich und

die gedanken sind frei

wir waren die opfer und

unser mann der herr karl

in den bierzelten

wir feierten wieder

endete die sprachlosigkeit

a jud bleibt a jud

5

den falschen ton

lehrten sie mich

auf begräbnissen

nie wird mehr gelogen

wortstreu

deckt den sarg

dürres laub

raschelt

beim totenmahl

löffeln sie mitleidsuppe

spiegeln sich

in den fettaugen

wein

löst die zungen

schon schreiben sie

lebensgeschichten um

mit rosen und nelken

kränzen sie

feiern

ihr überleben

6

der arme bettler

bekommt immer

einen teller suppe

ein braves kind

folgt immer

seinen eltern

den grenzstein

versetzt immer

der nachbar

jeder darf dich ablutschen

bist allen gefällig

und billig zu haben

7

sugar baby

von peter kraus

im schulterwurf

beim rock’n roll anglisiert

vormals

mein schätzchen

ich hör es noch singen

i liab di so fest

8

als sie die revolution übten

und transparente malten

in den talaren

der muff von tausend jahren

hob sie ihren rock

und schiss

den magnifizenzen

vor die füße

9

in ihre große liebe

zu den gottesmännern

einst waren sie ein fleisch

mischten sich falsche töne

diene uns

dann lieben wir dich

halten sie schlangenhäute

für ihre wahrheit

10

als die bilder

in den wohnzimmern

gesprächig wurden

verkamst du

zur meterware

start stopp rewind stopp

entenkatermäuse

portionierten dich

sprechblasengerecht

verführst seither minderjährige

unter bettdecken und schulbänken

ächz stöhn würg kotz

11

alle wollten dich

zum priester berufen

nach ihren bildern

nimm deinen sohn

den du liebst

der vater trägt den koffer

kein engel ruft

der autobus reißt den buben

vom weinenden

den geschwistern entfremdet

verführen sie dich

zum josefstraum

in die einsamgrube

stoßen sie

den angstschüler

silentium

der betende zensor

löscht mit dem licht

mutterbriefe

scheuern an fesseln

tränensalzig

hände verraten

was tagebücher

verschweigen

(1988)